Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Date
- 1929-08-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Magnus Hirschfeld, Berndt Götz: Avalun-Verlag, I Ohne alle wissenschaftlichen Floskeln sagt das naive Sprechen, dem Verliebten erscheint alles in rosigem Licht. Ueber diese banale Wahrheit sind Magnus Hirschfeld und Berndt Götz in ihrem „Brotischen Weltbild" leider nicht hinausgedrungen. Die Erkenntnis ist dieselbe geblieben, der Weg zu ihr jedoch führt durch allerlei Gestrüpp, das die beiden Verfasser mit scharf geschliffenen Formulierungen zu lichten wissen. Das erotische Weltbild wird als ein differenzierter Ausschnitt des magischen Weltbildes überhaupt behandelt. Weiß der normal denkende Mensch die Spanne zwischen der Dingwirklichkeit und der Dingvorstellung auszumessen, so rücken für den magischen Menschen diese zwei Punkte — geradezu beängstigend aneinander. Das Wort, sonst nur Ausdruck eines Begriffs, wird zum Machtfaktor, wird zum Ding selbst, besitzt dessen Macht, ihm unterliegt das menschliche Sein. Die in uns ruhende Vorstellung vermischt sich mit der Wirklichkeit außer uns, sodaß die Grenzen zwischen unserem Ich und der Umwelt schwanken. Dieses magische Weltbild — Teile davon trägt ein jeder von uns auch in seinen rational hellsten Tagen in sich — befällt, so möchte man sagen, den jungen Menschen in seiner Liebesreifung. EinRauschstoff teilt sich seinem Blut mit, der die klare Scheidung in Welt und Vorstellung trübt. Bis zu welchem Grade die Trübung geht, ist sehr verschieden. Der Wahn bildet wohl den äußersten Gegenpol zum normalen Erkennen, der Wahn, der nicht zu korrigieren ist wie ein Fehler oder Irrtum, sondern der durch die abweichende Bewertung eines Dinges (Erkenntnisobjekts) von seiten des im Wahn befangenen Individuums entsteht. Im Liebesverhältnis beweise sich dies in der Ueberhöhung, Glorifizierung des Liebespartners. Ueberhaupt schaffe die Liebe alle Symptome der magischen Welterfassung durch die Belebung alldessen, was außer uns ist, und durch dessen Gef ü hl s durch drin gun g. Sehr interessant ist, was die Verfasser über die Geistesentwicklung Das erotische Weltbild elierau/Dresden der Vorpubertätszeit darlegen, wie das Kleinkind noch ohne Fähigkeit des Sonderns nach andern Kriterien als denen der Lust- oder Unlustgewährung allmählich durch die Empirie dahingelangt, einem Gegenstand nur eine Bedeutung beizumessen, wie es aufhört, dasselbe Hölzchen als Gummipuppe, Bratpfanne und Säbel zu benutzen, wie endlich die Puppe, „das Kindlein * (so altertümlich heißt es in dem Buch), die Lokomotive auf ihren Gehalt hin untersucht und von allen Seiten, auch der Innenseite, inspiziert werden, oder wie gar die Puppenbratpfanne auf dem Gasherd „ ausprobiert* wird. In einem besondern Kapitel „Eres und Tod* wird der Oedipuskomplex abgelehnt und eine andere Motivierung als Quelle der Haßbeziehung Vater - Sohn versucht. Die Jugend als Trägerin des Eros drückt das Prinzipiell-Magische-Universelle aus, das Alter alles Individuelle, Eationale. „Damit erkennen wir den Haß des Vaters gegen den Sohn in vollemUmf ange an, aber wir verstehen ihn Schicksal smäßiger, unentrinnbarer, als wenn wir ihn lediglich im sexuellen eifersüchtigen Begehren der Mutter begründeten.* Trotz der Klärung des Begriffes Eros bleibt man unbefriedigt, weil die Verfasser Eros als das Erleben der menschlichen Seele, das über das Individuum hinausgreift, nicht von der Seite des sozialen Lebens erfaßt und dargestellt haben. Wenn wir von Weltbild sprechen, genügt uns heute nicht mehr die Selbstbespiegelung einer Seele und mögen sich auch dieselben Symptome in allen Individuen wiederfinden. Wir fragen heute, mit Becht, nach den Veränderungen, die Eros in unseren Beziehungen zur Umwelt, nicht rmr der kosmischen, sondern ebenso der sozialen hervorrufen. Uns scheint, dass die Verfasser beim Versuch der Lösung dieser Frage in Schwierigkeiten geraten werden. Denn in Hinsicht auf die sozialen Pflichten und die soziale Gebundenheit jedes Individuums, sei es nun Beruf, Vergnügen, Kauf und Verkauf von Gütern, stellt das magische Weltbild eine niedere Stufe der Er- 93