Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Date
- 1929-08-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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BUCHBESPRECHUNGEN Leo Trotzki: Die wirkliche Lage in Rußland Avalun-Verlag, Hellerau/Dresden Wahrheit über Rußland ist auch heute, nach mehr als zehnjährigem Bestände der Sowjetunion, fast ebenso schwer zu erlangen, wie im Anfang. Die Literatur über das neue Eußland ist zwar sehr gewachsen, aber jeder Bericht, der von Rußland kommt, ist dem nach „Wahrheit" Strebenden verdäctitig. Malt er die Zustände zu günstig, so entsteht leicht der Eindruck, daß es sich um bestellte Arbeit handelt, kennzeichnet er sie als schlecht, so wird darum der Ausdruck einer schon vorher festgelegten antikommunistischen Gesinnung gesehen. Ueber diese Schwierigkeit hilft auch nur in gewissem Maße das Buch von Leo Trotzki, „Die wirkliche Lage in Rußland*' hinweg. An sich bringt es eogar die Voraussetzungen mit, die „wikliche" Lage zu beschreiben, denn es ist unzweifelhaft von einem echten Kommunisten geschrieben, von jemandem, der nicht von rechts, sondern voo links her opponiert, von jemandem, der mit ungeheurer Liebe an dem Werke hängt und es dennoch aufs schärfste kritisiert. Und noch von einer anderen Seite her kann der Bewei?, daß es sich um die Schilderung des wirklichen Rußland handelt, als erbracht angesehen werden: Manches von dem, was Trotzki und mit ihm die linke Opposition kritisiert haben, ist schon seit einiger Zeit Gegenstand der Kritik auch der herrschenden Stalingruppe — und zwar unzweifelhaft erst durch den Vorstoß der Gruppe um Trotzki. Aber die Authentizität des Berichtes von Trotzki wird dadurch eingeschränkt, daß er, nach einer Aeußeiung von Samuel Saenger in der „Neuen Rundschau", sich selbst nicht völlig zu der Autorschaft des vorliegenden Buches bekennt Doch wenn man selbst mit dem Vorbehalte an das Buch herangeht, nicht die absolute „Wahrheit" über Rußland zu erfahren, so ist doch auch das, was übrigbleibt, für uns von allerhöchstem Interesse. Das Buch hat ein sachliches und ein persönliches Grundthema. Das sachliche Grundthema heißt: Welche Widerstände der Wirtschaft und des Menschen erfährt ein sozialistisches Gemeinwesen auf seinem Wege zur Verwirklichung inmitten einer kapitalistischen Gesellschaft? Anwachsen der Beamtenherrschaft, Begünstigung der reichen Bauern, Wachsen des Privatkapitalismus, Kasten bildung auf dem Lande, Lage der Arbeiterklasse und die Gewerkschaften, schlechte Arbeitsbedingungen, Sklaverei auf dem Lande, Gefahr durch den Weltkapitalismus, Herrschaft der Bureaukratie, Unterdrückung der selbständigen Meinung innerhalb der Partei, Eindringen kleinbürgerlicher Elemente in die Partei, Bildung einer regierenden Kaste, das sind die wesentlichen Hindernisse der Verwirklichung des Sozialismus. In dem Buche ist auch von der Entwicklung der kommunistischen Jugend die Rede, von der Gefahr, daß die Basis der Bewegung sich auch hier vom Proletariat auf kleinbürgerliche Intelligenz schichten verschiebt, die so ihren Drang nach Karriere am leichtesten zu erfüllen hoffen können. Das persönliche Grundthema heißt: Beweis der inneren Uebereinstimrnung zwischen Lenin und Trotzki. Und hier zeigt sich etwas, was zugleich politisch außerordentlichklug und menschlich erschütternd ist: Leo Trotzki, der Schöpfer der roten Armee, der Mann, der den Krieg für Rußland liuqidiert hat, führt den Beweis der Zuverlässigkeit seiner kumraunistischen Gesinnung durch den Hinweis auf sehr viele Aeußerungen Lenins für ihn und gegen die herrschende Stalingruppe. Er begreift: Lenin ist für das russische Volk so sehr ausschließlicher, allein gültiger Repräsentant des echten Kommunismus, daß die Bestätigung des legitimen Kommunismus nur durch die Berufung auf Lenin geführt werden kann. G. L, 92