Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Date
- 1929-08-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Dagegen ist jedoch einzuwenden: Jede historische Entwicklung verläuft stetig-kausal. Wenn daher ein Umschlagen einer Situation in eine entgegengesetzte (z. ß. durch eine Revolution) erfolgt, so war dieses Umschlagen ebenso durch das Vorangegangene kausal bedingt, wie die Reihe, die danach „von neuem" beginnt. Der Eindruck des Sprunghaften ergibt sich nur dadurch, daß nicht jede Entwicklung manifest vor sich geht. Ebenso wie im Psychischen neben den bewußten die unbewußten Elemente wirksam sind, ebenso verlaufen bekanntlich historische Bewegungen zum Teil unter der Oberfläche des Merkbaren, sodaß ihre plötzliche Manifestation als Sprung erscheint. Und das Abbild dieses Sprunges ist die dialektische Auffassung von der Entwicklung in Gegensätzen. Die Gegensätzlichkeit ist der Ausdruck einer Konfrontation zweier Entwicklungsstadien, (zweier Resultate) ohne Berücksichtigung der teilweise nicht manifesten Ent wicklung, die das eine mit dem anderen Stadium verbindet. Die nicht manifesten Elemente der historischen Entwicklung decken sich zum Teil mit denen der psychischen Prozesse; es sind dies: das bewußte und unbewußte Erleben und Denken des Einzelnen und der Masse, die allmählich dahin führen, daß ein „Umschlagen" erfolgt als Manifestation des bis dahin Nicht-Manifesten. Die Revolution zieht das Fazit aus der manifesten und der nichtmanifesten Entwicklung. Also nicht die „Negation" und die „Negation der Negation" bilden das wesentliche Moment jeder Entwicklung, sondern die Manifestierung bis dahin nicht manifester Elemente. Thesis, Anthesis und Synthesis sind und bleiben logische Operationen, willkürlich übertragen auf einzelne Punkte der Entwicklung. Dadurch erhält diese zwar einen Notwendigkeitsschein, aber zugleich verliert sie ihren Lebendigkeitsgehalt. Die erklärende Funktion der Dialektik (bezw. des sogen, ersten Hauptsatzes) ist es also nicht, den „allgemeinen Zusammenhang der* Dinge als Zustand oder statisch" zu zeichnen, sondern: scheinbar Statisches auf Dynamisches zurückzuführen. Da aber Dynamisches nicht in die Form logischer Begriffe zu pressen ist, kommt einer solchen dialektischen Zurückführung nicht der Notwendigkeitswert logischer Begriffsoperationen, sondern nur der ZuJallswert aposteriorischer, d. h. auf Erfahrung gestützter und von Erfahrung abhängiger Interpretationen zu. Dialektik ist nicht Erkenn tnis, sondern Interpretation. Damit kommen wir zu dem sog. zweiten Hauptsatz der Dialektik, der nach Th. „den Zusammenhang der Dinge als Prozeß, als Vorgang oder dynamisch" zeichnet (127). Dieser Satz besagt, daß die Entwicklung in Gegensätzen vor sich geht: alle Dinge sind Prozesse, und alle Prozesse gehen in Widersprüchen vor sich, vollziehen sich „vermöge der Verneinung eines Dinges". „Der Ausdruck bezieht sich auf die Veränderung der Begriffe. Die wirkliche Bewegung der Dinge erscheint begrifflich, im Kopfe, als Verneinung odeir Negation . . Die Verneinung oder Negation eines Dinges von dem die Veränderung ausgeht, ist aber wieder selbst dem Gesetz vom Umschlagen der Dinge in ihr Gegenteil unterworfen. Die Negation wird wieder negiert . . Durch die doppelte Verneinung in der Dialektik wird nicht etwa das Alte und Ursprüngliche wiederhergestellt * , sondern es entsteht etwas Neues. Das Ding oder der Zustand, bei dem der Prozeß begonnen hat, ist auf einer höheren Stufe wteder hergestellt" (120). Die Erkenntnis, daß sich der Ausdruck Negation nur auf die Verneinung der Begriffe bezieht, läßt Th. sofort fallen, um zu sagen, daß das Ding oder der Zustand selbst verneint wird. Durch diese unberech- 76