Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Date
- 1929-08-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Dagegen ist zunächst zu sagen, daß ich von einem sich verändernden Ding niemals sagen kann, es wäre sich selbst gleich, oder es wäre ein anderes; denn seine stetige Veränderung läßt es gar nicht zu, von einem „Ding" (von einem A) zu sprechen. „Sich-Selbst-Gleich*" heit" ist nur ein abstrakter Begriff. Nur Begriffe können als sich selbst gleich betrachtet werden, Wirklichkeiten dagegen sind (niemals sich selbst gleiche) Prozesse. Es ist also falsch, den ersten Hauptsatz der Dialektik so zu formulieren, wie es Thalheimer tut. Betrachte ich die Veränderung eines Dinges, so bin ich gezwungen, auf die „Gleichheit zwischen zwei Zuständen des Dinges zu verzichten. „Gleichheit" ist ein Abstraktum und „Zustände eines Dinges" sind in Wirklichkeit nur stetig sich ablösende Veränderungen. Die — statische Kategorie der Gleichheit hat keinen Platz da, wo die — dynamische — Kategorie des Prozesses gilt. Beide zugleich anwenden hieße: abstrakt und konkret verwechseln. Der erste HaupÜsatz der Dialektik ist also kein Gesetz, das in die Fßtm einzukleiden wäre: „A sowohl gleich A, als auch gleich Nicht-A". Die formale Logik wird durch die Dialektik nicht berührt. Welches könnte aber sonst der Sinn der Dialektik sein? Th. erwähnt als Beispiel dafür, daß alle Dinge gleich und nicht gleich sind, die mathematische Auffassung des Kreises. Bekanntlich fassen die Mathematiker den Kreis als ein Vieleck aus unendlich vielen und unendlich kleinen Seiten auf, setzen also in gewissem Sinne gerade „und krumm44 gleich. — Dieser Satz ist jedoch nur möglich durch die Ungenauigkeit unserer Ausdrucks weise: einmal nämlich ist der Kreis eine konkrete Erscheinung, als solche ist er rund; und dann ist er [eine abstrakte mathematische Konstruktio, (ein „Grenzwert4'), die wir in der konkreten Wirklichkeit nirgends vorfinden; (Denn wie sollten wir unendlich viele Seiten zeichnen können?); als solche Konstruktion ist der Kreis eckig. Der Kreis im ersten Sinn interessiert den Mathematiker nicht, der Kreis im zweiten Sinne interessiert den Erfahrungsmenschen nicht. Wir müssen also exakt unterscheiden zwischen der sinnlich konkieten Kreiserscheinung und der mathematisch-abstrakten Kreiskonstruktion. Nur dadurch, daß wir beide mit „Kreis" bezeichnen, kommt der Satz zustande: der Kreis ist zugleich rund und eckig. Aufgabe der Dialektik ist es also, solche falschen Identifikationen! ausfindig zu machen und so die Begriffe zu klären. Dadurch wird siq gleichsam zu einer Hilfswissenschaft der Logik, aber nicht zu einer höheren Stufe derselben. Kein absoluter (d. h. nicht bloß empirisch-zufälliger) Gegensatz verliert seine reale Absolutheit durch die Erkenntnis, daß die gegensätzlichen Fakten logisch unter einen Obergriff gebracht werden können oder Teile einer Ganzheit sind. Nicht darin besteht also der Sinn der Dialektik, absolute Gegensätze „aufzuheben", sondern darin, die verschiedenen Perspektiven zu zeigen, unter denen ein Faktum angesehen werden kann. „Der erste Hauptsatz, das Gesetz von Durchdringung der Gegen* sätze, zeichnet den allgemeinen Zusammenhang der Dinge als Zustand oder statfistisch, sagt Th. (S. 126). Hier liegt ein Grundfehler vor: Gegensätze werden durch ein übergeordnetes Drittes nicht aufgehoben, wenn sie durch ein solches Drittes erklärt werden. Diese Erklärung aber ist stets eine funktionale, d. h. sie stellt einen Zusammenhang zwischen den Dingen nicht als einen 'statischen, sondern als eine funktiomvle Abhängigkeit von jenem Dritten fest. Wenn wir die oben erwähnte Funktion der Dialektik, die darin besteht, die durch Benennung mit ein und demselben Wort erreichte 74