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Der junge Jude · 1929-08-01 · Heft 3 (August 1929) · page 10

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Journal
Der junge Jude
Volume
2 (1929-1930)
Issue
Heft 3 (August 1929)
Date
1929-08-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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EINIGE PROBLEME DER DIALEKTIK Zugleich eine Kritik des Buches von A. Thalheimer: Einfuhrung in den dialektischen Materialismus (VerSag für Literatur und Politik Berlin—Wien 1928) Die beiden philosophischen Hauptprobleme des Marxismus sind: die materialistische Geschichtsauffassung und die Dialektik. Zwei voneinander zu trennende Probleme, insofern als man unter „Dialektik" ein allgemeines Prinzip allen Geschehens sowie eine allgemeine Denkmethode und Betrachtungsweise versteht, während „materialistische Geschichtsauffassung" die Anwendung dieser Betrachtungsweise auf das historische Geschehen bedeutet. Dadurch aber, daß sich der Marxismus speziell mit den Inhalten und Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen Geschehens beschäftigt, kommt es, daß beide Probleme zu einer Einheit zusammengefaßt werden unter der Bezeichnung „historischer öder dialektischer Materialismus" x). Eine Einführung in die wichtigsten Grundbegriffe dieser Theorie zu geben, ist die Absicht der Vorträge, die Thalheimer im Jahre 1927 vor chinesischen Studenten der Sun-Yat-Sen-Universität zu Moskau gehalten hat, und die uns als Buch unter dem Titel „Einführung in der! dialektischen Materialismus, die moderne Weltauffassung" vorliegen. Aus der Rücksichtnahme auf seine Hörer erklärt sich die knappe und einfache Darstellung, die das Buch ganz besonders zur ersten Orientierung marxistisch wenig gebildeter Leser geeignet macht; andererseits erhält das Werk allerdings durch den Mangel systematischer Vollständigkeit und das Fehlen kritischer Auseinandersetzungen einen dogmatisch-starren Charakter, der die Ueberzeugungskraft der Ausführungen erheblich beeinträchtigt. Mag auch die Unvollständigkeit für die Vorträge notwendig gewesen sein, für die Buchveröffentlichung wären Ergänzungen sehr erwünscht und gewiß auch möglich gewesen. Thalheimer will den dialektischen Materialismus dialektisch, d. h. in seiner Geschichte darstellen. Denn „es ist eine besondere Eigenschaft des historischen Materialismus, daß er alle Dinge in der Natur wie in der Welt des Menschen darstellt, nicht als fertige, ein für alle Mal abgeschlossene, sondern als entstandene, sich ständig verändernde und schließlich wieder verschwindende.44 Im Folgenden soll — unter möglichster Ausschaltung der Einzelkritik — versucht werden, in Anlehnung an die Thalheimersche Darstellung einige Grundprobleme der Dialektik als solche, d. h. systematisch und nicht historisch zu behandeln. Zweck dieser Behandlung soll es sein, Anregungen zu prinzipiellen Diskussionen zu geben, auch auf die Gefahr hin, schon oft Gesagtes noch einmal zu wiederholen. Einer der wichtigsten Begriffe der material. Geschichtsauffassung ist der Begriff der Negation. In seiner Schrift „Versuch, den Begriff der negativen Größe in die Weltweisheit einzuführen" hat Kant auf den prinzipiellen Unterschied der Verneinung im Denken und in der Wirklichkeit hingewiesen: während logisch immer nur ein Prädikat gesetzt werden kann, während also eine Aussage nicht zugleich mit der ihr entgegen* gesetzten Aussage zusammen richtig sein kann, ist in der Wirklich* k e i t die Negation einer Aussage etwas ebenso Positives wie die Aussage selbst. Ein Beispiel: Während logisch die Unlust die Verneinung *) Dies darf uns jedoch nicht darüber täuschen, daß es noch andere Anwendungsmögrlichkeiten der Dialektik gibt: z. B. könnte jede auf die Wirklichkeit gerichtete, d. h. nicht bloß katalogisierende Psychologie als dialektische Psychologie bezeichnet werden. 72

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