Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 207 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Deuter der Großen unserer Geisteswelt deutete. Es entschädigt aber durch den Versuch, Zweig aus dem Hintergrund einer wachsenden geistigen Einheit, Europa, hervortreten zu lassen und seine Tätigkeit kulturhistorisch zu würdigen. M. R. Emil Ludwig: Der Menschensohn.*) Es ist gleichsam eine Rechtfertigung für den Berichterstatter notwendig, wenn er im Kreise der zionistisch-sozialistischen Jugend über eine Angelegenheit redet, wie sie hier zur Besprechung steht. Darum sei an dieser Stelle vorangestellt, daß jene unzweifelhaft vorhandene E n g e d e s G e i s t e s, die nur ein Ziel und daher auch nur einen schmalen Ausschnitt aus dem geistigen Geschehen der Welt kennt oder kennen will, höchste Gefährdung gerade dieses eindeutigen Zieles ist. Rein erhalten und bewährt kann es eben nur in der dauernden und allseitigen Konfrontation mit den Dingen der Umwelt werden. Wenn ein Mann jüdischen Stammes — sich bewußt so bezeichnet — über das Leben Jesu zu schreiben unternimmt, dann ist das eminent unsere Angelegenheit Denn wir sind ja in unserem Gegenwartsschicksal mit tausend Fäden an jene Erscheinung in unserem Volke vor fast 2000 Jahren geknüpft. Es kann hier nicht der Ort sein, um über das künstlerische Ergebnis dieses Versuches etwas auszusagen. Hier kann nur die Frage gestellt werden, inwieweit uns als jungen jüdischen Menschen, deren Weg in das Judentum hineinführt, diese Darstellung etwas zu sagen vermag. Und da muß gleich das ausgesprochen werden, was Ludwig selbst in seiner Vorrede anführt, nämlich das Wort Luthers: „Die Evangelien halten keine Ordnung, liegt auch nicht viel dran: wenn ein Streit über die Heilige Schrift entsteht und man kann's nicht vergleichen, so lasse man's fahren." Der Versuch des Verfassers, aus einer psychologischen Erf as- *) Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1928, sung des Menschen Jesus eine logische Ordnung der Vorgänge, die in den Evangelien erzählt werden, abzuleiten, mag mehr oder weniger gelungen sein. Es bleibt die Frage bestehen, ob dadurch die Gewalt der Erscheinung Jesu uns nur im entferntesten näher gebracht wird. Gerade ein Jude muß Verständnis auch für die Unlogik in der Dar stellungsweise im Neuen Testament besitzen, und diese Tatsache wird ihm den großen jüdischen Menschen Jesus nicht verleiden. Die kritische Untersuchung hat natürlich daneben ihren Platz in der exakten Forschung. Dieses Bedenken ließe sich vielleicht auch so formulieren, ob nicht etwa für uns die Lektüre der Evangelien selbst mehr bedeuten kann als etwa die Darstellung Ludwigs bei all ihrer logischen Konsequenz. In diesem Zusammenhange taucht der — vielleicht unerfüllbare —■ Wunsch auf, daß ein zutiefst in jüdischer Tradition verwurzelter Mensch und Dichter es unternehmen möge, Gestalt und Leben Jesu auf der Basis der Evangelien und doch im Geiste unseres Zeitalters darzustellen. Die Hoffnung scheint nicht unberechtigt, daß ein solcher Versuch uns und der Welt viel bedeuten könnte. Es ist nicht möglich, gegen manche der Ludwiig'schen Ansichten Einwände vorzubringen — z. B. gegen seine Darstellung der damaligen jüdischen Welt, insbesondre der Pharisäer. — Aber das sind Einzelheiten, die relativ unwichtig sind. Auf der anderen Seite werden gerade in seiner Darstellung Probleme klar, die uns besonders nahe angehen; es ist etwa an Jesu Verhältnis zur Familie zu denken, als er die Berufung und den Kampf aufnimmt. Auf jeden Fall - man mag als Jude zu dieser Form der Darstellung stehen, wie man will — wird man aufs stärkste von Ludwins Buch gefesselt und zur Stellungnahme gezwungen Und das ist vielleicht für uns in der heutigen Situation das Wesentlichste, das uns ein literarisches Werk zu bieten vermag Kurt Loewenstein. 207