Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 206 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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vas prahlerische Aufschneiderei führt der Weg über Stendhals psychologisierende Selbstdarstellung zur Selbsterkenntnis Tolstois, wo Psychologie und scharfe Beobachtungsgabe schon wieder einem höheren Ziel, der ethischen Steigerung des Menschen dienen. Das Bild des Tolstoi reinigt Zweig von der Lügenschicht altväterlicher Selbstgefälligkeit, die drei Jahrzehnte nach seinem Tode das wahre Antlitz Tolstois verschleiert. Das Bild Tolstois wächst in der Zweigschen Zeichnung von dem (fast schon wieder-) Götzen von Jasjpna Poljana zur Gestalt eines ringenden Menschen empor. Ringend, immerdar vom eigenen Gewissen verfolgt, ein kämpfender Mensch, der unterliegt, da er den Mut zur Verwirklichung seiner Lehre erst findet, als schon der Tod den Weg ihm weist. ★ Hier ist nicht der Ort einer literarisch-historischen Würdigung der Leistung Zweigs. Nur die Gegensätzlichkeit zweier jüdischer Dichter zieht an, fesselt und gibt Bedenken, zumal der eine von ihnen als Zionist gilt und der andere als Kosmopolit in allen geistigen Dingen sich abkehrt von unserem Weg und Ziel. Als ich Werfeis Buch beendet hatte, mußte ich fliehen, gleich wohin, nur fort von dieser Welt, die der Dichter vor mir aufgebaut. Ein seelischer Bankerott ist das Resümee dieser Jugendschuld. Ein Bankerott nach einem Vierteljahrhundert voll Arbeit, Fleiß, Strebens und sozialen Aufstiegs. Diese Flucht war nicht meine Flucht, sondern die des Untersuchungsrichters, der nicht zu seiner Vergangenheit, überhaupt nicht zu seinem eigenen Leben stehen konnte. Stets verfolgt, nahe schon der Sühne, durch restloses Bekennen der Schuld vor dem Opfer seiner Bosheit — genarrt durch die Identität des Untersuchungsgefangenen und seines Opfers! Aussichtslos, rettungslos der Schuld, der Pein des Gewissens anheim gegeben. Finsterstes Mittelalter. Ein zermürbtes, zerquältes Hirn hat diese Geschichte ersonnen. Hier kann ein Mensch sich nicht allein wieder emporrichten. Hier der Ansatz zur Sehnsucht nach der Gemeinschaft, nach einer neuen Form der Gesellschaft. Bedenklich zwar diese Gemeinschaft, die nur eine Menge abgetakelter Individuen wär... Dazu konträr Stefan Zweig, der Schöpfer von Lebensbildern sich selbst bekennender Männer. Seien sie animalisch wie Casanova, ohne Gewissen, nur ihrem Trieb, ihrem unersättlichen Hunger Untertan, oder Egoisten wie Stendhal, oder Ethiker wie Tolstoi, stets doch nehmen sie ihr Leben als das ihre, beschreiben es, deuten es, kritisieren es, um sich höher hinaufzuschwingen. Und dieser Mann, der sich vertieft in diese aufrechten Selbstbekenner, Stefan Zweig ein Kosmopolit. Es ist wetterwendisch das Wort Kosmopolit. Es ist das Wort jener, die von der Gemeinsamkeit sprechen, von Europa, von der Welt, Weil sie sie — nicht brauchen. Weil sie in sich den ganzen Kosmos einschließen, weil sie ihn abgetastet haben von innen und von außen. Weil sie weise sind und Wissende. Weil sie die Welt kennen und ihren Wünschen Grenzen setzen. Und schaffen. Schaffen, schaffen, nochmals schaffen. Stefan Zweig ist einer von diesen Großen. Für sie hat Romain Rolland das Wort geprägt: „Die Welt erkennen — erkennen und sie lieben". Männer, die den Weg ebnen der Gemeinschaft und ihrer doch nicht bedürfen. Es wäre lohnende Mühe gewesen, hätte einer unter dieser Perspektive das Werk Zweigs betrachtea. Statt dessen müht sich Erwin Rieger aus Novellen und Gedichten das Leben Zweigs zu rekonstruieren, um ihn als „introverten" Künstler zu kennzeichnen, der sich selbst in seinem Werk gestaltet und sein Ich in jede Person einströmen läßt. Das Buch Resisrers, das namentlich die Jugend Zweigs auf diese Weise fesselnd darzustellen weiß, versagt bei der Charakterisierung seines Lebenswerks, weil nicht ein kongeniales Hirn den meisterhaften 206