Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 205 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Darstellung der materialistischen Geschichtsauffassung, in der eine moderne Interpretation von Marx gegeben wird, ohne daß der ursprünglichen Konzeption Gewalt angetan wird. Der Mensch als Vollstrecker des historischen Willens bewirkt, daß auch im Mittelpunkt der ökonomischen Geschichtsauffassung der Mensch steht und das Element des Geistes damit seinen ihm zukommenden Platz bekommt. Wir fügen hinzu, daß das Buch sehr lebendig geschrieben ist, in aller Klarheit selbst komplizierte Gedankengänge zur Darstellung bringt, so daß es möglich ist, das ziemlich umfangreiche Buch (472 Seiten) in kurzer Zeit zu lesen und durchzuarbeiten. Wir glauben kaum, daß es gerade für junge Menschen eine lebendigere Einführung in den Marxismus gibt, als diese Übermittlung des Lebens und des Werkes von Karl Marx. Werfel und Zweig Franz Werfel: Der Abituriententag, Paul Zsolnay, Wien, 1928. Stefan Zweig: Drei Dichter ihres Lebens. Insel-Verlag, Leipzig 1928. Erwin Rieger: Stefan Zweig. I. M. Spaeth, Berlin 1928. W7erfel und Zweig — klingt die Verbindung dieser zwei Namen nicht gewaltsam? Was ist ihnen gemeinsam —? Zwei Dichter, zwei Juden, zwei Deutsche — zwei jüdische. Dichter deutscher Sprache, grundverschieden in ihrem Wesen, in der Erfassung des Kosomos. Die Gegensätzlichkeit ihrer menschlichen Erscheinung ist gerade Reiz und \Amlaß izu gemeinsamer Betrachtung. Von Werfel liegft eine .Novelle vor „Der Abituriententag11. Von Zweig eine neue Sammlung von Essays „Drei Dichter ihres Lebens". ★ „Geschichte einer Jugendschuld" nennt Werfel seine Dichtung. Aber sie ist Geschichte in tieferem Sinne des Wortes. Nicht nur Geschehenes, das in der Vergangenheit ruht und nur durch das Memorieren des Gedächtnisses wieder zu lebendiger Wirkung und Geltung kommt, sondern Geschichte, Geschehenes, das der Mensch getan, das dem Menschen angetan, und fortwirkend noch ein Viertel Jahrhundert danach im Menschen Kräfte fesselt oder bloßlegt. Geschichte, nichts Totes, sondern Leben, Leben für immerdar. Zwei Jungen aus der ihtelligenzlerischen Atmosphäre österreichischer Mittelstadt ringen um die geistige Vorherrschaft in ihrer Schulklasse. Ein Jude und ein Christ. Sohn einer Witwe und Sohn des Präsidenten des Obersten Gerichtshofes. Schritt für Schritt muß der Judenjunge weichen, bis sein Feind die teuflische Saat allgemeinen Gelächters in die Herzen der Kameraden streut, schlau die Sekunde nutzt, da das bis dahin restlos anerkannte geistige Oberhaupt der Klasse hilflos steif im Barren hängt, unfähig, die „Schere" zu vollführen. So geht es fort und fort durch Schmutz und Intelligenz, durch Literatengeschwätz und Bordellfreuden. Urkundenfälschung fängt die 17jährigen in die Schlingen des Strafrechts. Zu feige zu Mord und Selbstmord, greift der Sohn des Präsidenten zum Diebstahl, um den unbequemen Gefährten und Kumpanen nach Amerika abschieben zu können. Zuvor aber hat er ihn ausgesogen wie ein Vampyr und ihn erniedrigt, um emporzusteigen. Das ist die Jugendschuld. Aus Kindern wurden Männer. Der Sohn des Präsidenten ist Untersuchungsrichter und vor ihm ein des Mordes Beschuldigter mit dem Namen des jüdischen Mitspielers. Er will bekennen, um loszukommen von der Schuld. Aber der Name hat ihn genarrt. Der Richter gleitet dem Angeschuldigten nieder. Ein fremdes Augenpaar starrt auf ihn verwirrt herab. * Stefan Zweig führt wieder drei neue Geistestypen (Casanova, Stendhal, Tolstoi) vor und schildert in ihnen Menschen restloser Bejahung ihrer irdischen Existenz. Von der naiven Beschreibung des eigenen Lebensweges durch Gasano- 205