Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 204 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3497353-3497354-3497360--229-3521866- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
BUCHBESPRECHUNGEN Karl Marx, Leben und Werk von Otto Rühle (Avalun-Verlag, Hellerau Lei Dresden). Otto Rühle, der als Verfasser des Buches „Das proletarische Kind1' bekanntgewordene sozialistische Individuaipsychologe, hat vor kurzem eine umfangreiche Biographie über Karl Marx erscheinen lassen. Ebenso wie die Biographie von Mehring tobt das Buch nicht nur eine Darstellung des Lebens von Karl Marx, sondern auch einen Überblick über sein gesamtes Schaffen und damit *in Stück Geschichte der sozialisti- Si-.fren Bewegung und auch eine Einführung in die Grundgedanken des Marxismus. Was das neue Buch von dem von Mehring unterscheidet, ist eine noch persönlichere Stellung des Autors zu der Person von Karl Marx, die hier das erste Mal mit den Mitteln der neueren Psychologie und insbesondere der Individualpsychokgie erfaßt wird. Das führt dazu, Marx in seiner Größe, aber ebenso £tark in seiner Schwäche zu sehen, ihn auf die Ebene der Umwelt zu stellen und hier den Charakter dieses Mannes in seiner eigentümlichen Gestalt darzustellen. Marx wird hier nicht immer als der i ührer der Masse gesehen, als derjenige, dessen Leben für die Masse Ideal sein kann. Marx erscheint uns vielmehr immer stärker als ein Einzelner, dessen Leben wohl dem Dienst der Masse gehört, der aber fast niemals Ausdruck der Masse selbst ist. Der Führer und Begründer der sozialistischen Bewegung ist ein Einzelner, der, abgesehen von der Freundschaft mit Engels, vollkommen allein steht, der selbst haßt und glühend gehaßt wird nicht nur von der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch von den Genossen der sozialistischen Bewegung. Rühle unternimmt es, mit Hilfe der Individualpsychologie den eigentümlichen Charakter von Marx zu erklären. Dabei würdigt er — dies ist für uns besonders interessant — individualpsychologisch die jüdische Abstammung von Marx als ein Motiv seines späteren Kampfes für die Unterdrückten. So führt denn auch Rühle die besonderen Ausfälle ' von Marx gegen die Juden in seihet Schrift „Zur Judenfrage" auf das Minderwertigkeitsgefühl zurück, das Marx angehaftet hat, weil er sich immer als Jude fühlte. „Marx de: nunziert den Juden als Prototyp des ■Handelsgeistes und der Geldwirtschaft, macht das Judentum zum Symbol des blutsaugerischen Kapitalismus. Man hat das Gefühl, als ob er sich damit in ostentativen Gegensatz zum Judentum bringen, sich demonstrativ von der Rasse losreissen und durch Unterstreichung seiner antikapitalistischen Tendenzen vor aller Welt als Nichtjude deklarieren wolle. Wer aber ausdrücklich erklärt, nicht Jude zu sein, muß Anlaß zu der Befürchtung haben, für einen solchen gehalten zu werden. Jedenfalls darf als sicher gelten, daß Marx im sozialen Moment seiner Rassenzugehörigkeit eine Verstärkung seines Minderwertigkeitsgefühls und seines Dranges zu kompensatorischer Leistung erlebte." Eine weitere Belastung ist nach Rühle für Marx gewesen, daß er der älteste Sohn der Familie ist, der sich durch die nachfolgenden Geschwister benachteiligt fühlt. Im Wege der Kompensation werden dann diese Schwächegefühle durch besondere Anstrengungen in positive Leistungen umgewandelt, die dann „entsprechend der Tiefe des Ansatzpunktes" zu einer um so größeren Leistung emporschnellen. Der Versuch dieser Erklärung des Wesens von Karl Marx ist zwar auch in der Darstellung Rühles nicht restlos überzeugend, sicher aber gibt er einen wichtigen Hinweis für das Verständnis der Person, wenn auch die eigentümliche Individualität dadurch nicht voll erklärt werden kann. Die Darstellung der Lehre von Marx begnügt sich nicht dam.it, nur Inhaltsangaben zu geben, sondern hier schafft Rühle ein einführendes Lehrbuch in den Marxismus, wobei er diese Lehre nicht nur im Stadium der Schaffung durch Marx betrachtet, sondern auch mit späteren Er* scheinungen in Zusammenhang bringt. Besonders interessant ist. die 264