Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 203 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Wirtschaftsordnung aufzubauen, in der es keine Ausbeutung mehr geben wird." „Moderne Kriege sind so offenkundig auf das herrschende Wirtschaftssystem zurückzuführen, daß die Schuld am letzten Weltkriege unter keinen Umständen einer einzelnen Nation zur Last gelegt werden kann." „Die Forderung der werktätigen Jugend nach Arbeitsschutz, Freizeit und hochwertigster Berufsausbildung, bedürfen raschester Verwirklichung in allen Ländern, am dringlichsten in den kolonialen und halbkolonialen Gebieten." „Der Kongreß erblickt in der Militärdienstpflicht einen ungerechten Eingriff in das Gewissen des Einzelnen." Um eine Brüskierung der Minderheiten zu vermeiden, war vorgesehen, Anträge, die nicht auf große Mehrheit rechnen konnten, von einer Abstimmung auszuschließen. So kam es, daß ein sehr interessanter, von der deutschen Delegation einstimmig angenommener Antrag (mit Ausnahme einer Enthaltung, da der betreffende Delegierte sich gegen jede Entschließung aussprach) nicht zur Abstimmung langte. Er hat den Wortlaut: „Eine wirksame Bekämpfung des Imperialismus ist nicht möglich ohne das Zusammenwirken der friedensbereiten Jugend mit den Massen des internationalen, revolutionären Proletariats und den unterdrückten Völkern." Dieser Beschluß ist deshalb so bedeutsam, weil er, von allen Gruppen der deutschen Jugend angenommen, den Versuch eines Zusammengehens mit dem Proletariat darstellt. Es ist Tatsache, daß sich auf dem Kongreß die Hauptkämpfe zwischen revolutionärer und reformistischer Gruppe innerhalb der deutschen Delegation abspielten. Nach dem Bisherigen wird es nicht verwunderlich scheinen, wenn auf einer der letzten Plenarsitzungen des Kongresses die Vertreter aller Richtungen sich gegen Gründung des Weltbundes aussprachen. Der Gedanke ist eben noch nicht stark genug, um die Fesseln einer festen Organisation zu ertragen. Die Gefahr, die ihm durch die Gründung eines Pseudo¬ Weltbundes, dem wichtige Gruppen der Jugend fernblieben, erwächst, ist so drohend, daß der ganze Kongreß sich allgemein gegen eine zu frühe Bindung aussprach. Harold Bing, der internationale Sekretär», der für die bisherige, organisatorische Arbeit verantwortlich war,, gab in der letzten Sitzung den Kongreßbericht und sprach kurz über die weitere Arbeit in den Ländern* die jetzt umso größere Wichtigkeit erlangt. Damit ist der, möglichst objektive, Bericht von den tatsächlichen Ereignissen auf dem Kongreß zu Ende. Ich könnte nun ebenso lang über die persönlichen Eindrücke sprechen, die ich bei den verschiedenen Aussprachen im kleinen Kreise mit Amerikanern, Polen, Franzosen, Negern usw. gewann. Manche Stunden geben mehr als ein umfangreiches Buch: so vielleicht die, da ein Freund Gandhis aus Indien Grüße und eine Botschaft seines Führers brachte, und von dem Kampfe seines Volkes erzählte. Eine Kritik über die Methoden der Amerikaner, Deutschen, Kommunisten, wäre interessant, weil wieder einmal typisch die Wesenszüge der einzelnen Völker zum Vorschein kamen. Viel wichtiger ist die Frage nach der praktischen Wreiterarbeit. Einige Freunde und ich haben in den letzten Jahren erfolgreiche Arbeit auf einem kleinen Gebiet geleistet: Zusammenführung der Jugend verschiedener Länder während der Ferien durch Fahrten; auf diese Weise haben wir im letzten Jahre 300 junge Menschen miteinander in Berührung gebracht, in diesem Jahre allein über 100 Engländer und Schotten. Aber diese Arbeit genügt nicht — man muß von allen Seiten an die Aufgabe herangehen. Pessimismus ist nicht am Platze, denn jeder scheidet von vornherein aus* der, anstatt von ihrer Notwendigkeit überzeugt zu sein, mit der Frage nach dem Erfolg an die Arbeit geht. Walter Simon. 203