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Der junge Jude · 1928-11-01 · Heft 6 (November 1928) · p. Seite 196

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Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 6 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 196 (sequence 22)
Language
German
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Galutharbeit dem zionistischen Palästinaaufbau schädlich sei; oder wenigstens heute noch schädlich sei (für spätere Zeiten bleibt diö Frage scheinbar offen). Dieser Trugschluß beweist aber gerade das, was er sicherlich am wenigsten beweisen sollte: die innere Unsicherheit dieser Galuthverneiner. Wer ständig in Angst schwebt, daß eine Verbesserung der inneren oder äußeren Situation des Galuthjudentums dem Palästinaaufbau abträglich sein könnte, führt doch seine eigene Gaiuthverneinung ad absurdum. Er unterscheidet sich schließlich nur wenig von jenen zionistischen „Verelendungstheoretikern" der Vorkriegszeit, die jeden Mißerfolg der Galutharbeit begrüßten, weil sie darin eine Bestätigung ihrer Gaiuthverneinung und eine günstige „psychologische" Voraussetzung für zionistische Agitation sahen. Ihre größten zionistischen Hoffnungen setzten sie auf die Wirkung der schlimmsten Nachrichten über Verfolgungen und Pogrome. Die heutige üeberleitung dieser Verelendungstheorie vom politischen und wirtschaftlichen auf das geistigkulturelle Gebiet ist nur eine Art Verfeinerung derselben Grundeinstellung. In Wahrheit sollten wir als Zionisten, und zwar gerade im Interesse eines perennierenden und organischen Palästinaaufbaues keine Entwicklung als unseren Bestrebungen günstiger prognostizieren, denn eine fortschreitende Judaisierung der Diaspora. So sehr man davon überzeugt sein kann, daß zur Begründung des Zionismus, historisch gesehen, eine voraufgehende Epoche besonders assimilatorischer Tendenzen notwendig war, und daß so das jüdische Gewissen und der jüdische Selbsterhaltungstrieb neu belebt werden konnte, so wenig sollte man sieb, für die dauernde zionistische Aufbauarbeit ein Milieu ständig fortschreitender Zersetzung und Atomisierung des jüdischen Lebens wünschen. Es wird nicht möglich sein, da>s zionistische Werk auf die Dauer den Händen einer bloß „erschütterten" und in jeder Generation von neuem „zu erschütternden" Diaspora anzuvertrauen. Der Erschütterung muß eine systematische jüdische Unterbauung folgen. Eür die Generation der Vorkriegszeit hat die Erschütterung von Grund auf allein schon genügend revolutionierende Kraft besessen, um die Menschen zur zionistischen Entscheidung zu bringen. Es muß aber zum mindesten bezweifelt werden, ob diese Methode der „Ueberrumpelung" ohne nachfolgeden Aufbau sich beliebig oft und lang wiederholen und fortsetzen läßt. Ebenso muß die Berechtigung jener Sicherheit angezweifelt werden, mit der man, wie an einem Axiom, an der Meinung festhält, daß die zionistische Entscheidung vor dem Judaisierungsprozeß herbeigeführt werden muß. So sehr diese Eeihenfolge der Entwicklung an sich wünschenswert wäre, so wenig kann man einer offensichtlichen Unterschätzung des Wertes einer anderen Eeihenfolge zustimmen. Wir fühlen uns heute stark genug, um dort, wo die Entscheidung nicht am Anfang steht, sie am Ende zu erreichen. Zu diesem Glauben berechtigt uns unser Vertrauen auf die unserer historischen Kultur immanente zionistische Gewalt, wenn der Sinn dieser Kultur nur nicht ins rein Dogmatische und Aesthetische abgebogen wird. Wer derartige Gedankengänge vertritt, muß sich freilich von vorneherein gegen die Bimdesgenossenschaft jener Zionisten verwahren, die heute durch Proklamation einer gesteigerten Kulturtätigkeit bewußt oder unbewußt ihre eigene zionistische Besignation übertönen wollen. Der Ruf nach Kulturarbeit aus politischem Schwächegefühl 196

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