Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 187 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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so, als ob die Zugehörigkeit zu diesem Volke für uns selb verständlich wäre. Es ist auch durchaus zutreffend, wenn Krojanker sagt, daß die sozialistische Weltanschauung uns für die Frage unserer eigenen Zugehörigkeit zum jüdischen Volke noch kaum Erkenntnismaterial liefert. Für uns persönlich ist vielleicht nur eine unmittelbare Verbindung, die keineswegs allgemeine Bedeutung besitzt, gegeben: die Chaluziuth. Wir können heute praktisch nur dann zur körperlichen Arbeit kommen, wenn wir Aussicht haben, diese Arbeit später in einer jüdischen Gemeinschaft zu leisten. Unsere andersnationale Umgebung auf der einen Seite, die Widerstände gegen körperliche Arbeit in uns auf der anderen Seite, lassen den Uebergang zur körperlichen Arbeit nur in einer „befreundeten" oder gleichnationalen Umgebung gelingen. Hier scheint mir eine unmittelbare Nötigung auch für den Einzelnen zu bestehen, vom Sozialismus in seiner Forderung nach Produktivierung zum Zionismus, der Bejahung des jüdischen Volkes zu kommen. Aber diese Nötigung ist für den Westen individuell und nur für den jüdisch-national Empfänglichen zwingend. Sie setzt für den assimilierten Westjuden nationale Bereitschaft voraus. Wenn man also für den Westen feststellt, daß der Sozialismus keineswegs zwangsläufig zum Zionismus führen muß, so ist doch trotzdem für den zionistischen Sozialisten das Primat des Z i o n i sm u s v o r dem Sozialismus, wie es Krojanker fordert, keineswegs eine logische und aus der Sache heraus sich ergebende Notwendigkeit. Wenn Krojanker sagt: „Auf die vorher festgefügte Welt des zionistischen Gedankens soll alles Menschliche einströmen, um von ihr Ton, Farbe, Klang und Rahmen zu erhalten. Nicht umgekehrt. Das wäre der andere Weg der Bagatellisierung, der ein Spezialproblem (Sozialismus) — und sei es auch ein Menschheitsproblem — so sehr in den Vordergrund rückt, daß er umgekehrt an ihm den Wert des nationalen Gedankens mißt und ihn überhaupt nur in seinem Rahmen anerkennt. Der erste Weg ist natürlich und fruchtbar, der zweite wider die Natur und unfruchtbar." Diese Behauptung ist bei Krojanker beweislos. Warum der erste Weg natürlich, der zweite wider die Natur ist. Das soll kein dialektischer Einwand sein. Auf welche Prämisse, die uns gemeinsam ist oder die als Grundtatsache allgemein anerkannt und daher undiskutierbar ist, stützt Krojanker seinen Wert- oder Unwertausspruch? Verdeckt nicht vielleicht der Versuch einer Zuordnung von Zionismus und Sozialismus, kraft deren das eine Primat vor dem anderen sein soll, den wahren Sachverhalt? Gehören nicht Zionismus und Sozialismus verschiedenen Kategorien an, nämlich Zionismus der nationalen Kategorie und Sozialismus der sozialen Kategorie? Man kann sowohl die eine Kategorie als feststehend ansehen und ihr alles andere zuordnen, wie es Krojanker hinsichtlich des Zionismus tut. Man kann aber mit ebenso großen Recht die Kategorie des Sozialismus als feststehend betrachten und ihr dann die nationalen Fragen zuordnen. Warum das eine fruchtbar und das andere wider die Natur sein soll, ist nicht einzusehen. 187