Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 186 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Zionismus fertig ist, weil sie offenbar niemals angefangen hat". Zionismus kann nach dieser Meinung keine Selbstverständlichkeit sein, sondern „bleibt wie jede geistige Entscheidung problematisch, solange Einer Leben in sich hat". Es ist wirklich so, daß in der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung Deutschlands und wohl auch des Ostens, — aber da mit größerem Kecht — Zionismus als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird und daß dadurch unsere zionistische Sicherung leicht zu kurz kommt. Das hat zwei, völlig von einander verschiedene, aber doch zu dem gleichen Ergebnis führende Gründe: zionistische Erziehung ist bei uns Milieuerziehung und die zionistischsozialistische Theorie argumentiert von der Gesamtheit aus und nicht vom Standpunkt des Einzelnen her. Zionistisch-sozialistische Erziehung in Deutschland ist Milieuerziehung. Wir ergreifen die jungen Menschen in einem frühen Lebensalter, am Anfang der Pubertät, der Jungjüdische Wanderbund ergreift sie fast nur in diesem Alter. Man kommt dann nicht auf Grund eigener Einsicht zum Zionismus, sondern in einen zionistisch-sozialistischen Bund. In diesem Bund ist ein Niederschlag von der zionistisch-gesättigten Atmosphäre Palästinas, die „Luft des Landes" ist in irgend einer Weise wirksam, der Stil der Arbeiterfeste weist unseren Zusammenkünften ihren Charakter an. So entsteht schon in den Jüngsten eine Willensbeziehung zur hebräischen Sprache, eine Liebesbeziehung zum hebräischen Liede und eine Sehnsuchtsbeziehung zu Erez-Israel. Von daher wird die Liebe zu Zion, die Bejahung des jüdischen Volkes eine selbstverständliche Sache. Wir wissen, daß diese Gefühlsbindung an Palästina und das Arbeiterleben ausreichend ist für die Jüngeren, wir wissen, daß das alles nicht ausreicht für die Aelteren und für diejenigen, die ihre Palästinasehnsucht nicht verwirklichen. Dann entsteht die Notwendigkeit zur Auseinandersetzung mit der zionistischen Idee. Die Begründung des Zionismus durch den Sozialismus hat aber die Existenz eines jüdischen Volkes zur Voraussetzung. Für Borochow besteht ein jüdisches Volk, dessen Befreiung und dessen Gesundung, dessen Entfaltung im Klassenkampf nur auf Grund der Konzentrierung auf nationaler Grundlage, in einem nationalen Territorium gelingen kann. Für den Osten, wo und für den die zionistisch-sozialistische Theorie entstanden ist, argumentiert man mit Eecht immer von der Gesamtheit, vom Volke her, nicht vom Einzelnen. Die gegenwärtige Existenz des Volkes ist nicht zweifelhaft, sein künftiges Schicksal ist fragwürdig. Ob der Einzelne sich noch zum Volke „bekennt" oder nicht, ist von geringerer Bedeutung, der Zusammenhang mit dem Volke ist selbstverständlich gegeben und bedarf keiner konstituierenden Be* gründung. Deshalb ist es für den Osten folgerichtig, wenn die zionistisch-sozialistische Theorie das Volk und nicht den Einzelnen zum Ausgangspunkt der Betrachtung macht. Wir, zionistische Sozialisten haben auch für den Westen diese Betrachtungsweise übernommen, bei der wir die Existenz des Volkes und unsere Zugehörigkeit zu ihm voraussetzen. Wir würdigen dabei, wie Krojanker richtis: sieht, die Problematik der Frage unserer Zugehörigkeit gedanklich bewußt kaum, während sie praktisch — unbewußt sehr häufig in Erscheinung tritt. Wir tuen 186