Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 182 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3497353-3497354-3497360--207-3521844- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
unsere Absicht ist es, unsere Tätigkeit auf diesem Gebiet zu erweitern. Wir sind im Begriffe, uns an Tausende von Arbeitenden zu wenden, die die Kurse zu besuchen vorzeitig aufgehört haben, und ihnen klar zu machen, daß sie wegen der Aermlichkeit ihrer Kenntnisse in den Grundlagen der Sprache an dem Kulturleben des Landes nicht genießend teilnehmen können, und wir werden von ihnen fordern, in die Kurse zurückzukehren und ihr Studium fortzusetzen. Man kann auch damit rechnen, daß mit Vermehrung der Arbeit im Lande und mit Verbesserung der Lage der Arbeitenden viele sich wieder mehr nach kulturellen Genüssen sehnen werden, die in den Jahren des Mangels und Hungers dazu nicht fähig waren. Wir haben ungefähr 100.000 Mann nach Palästina gebracht, ihnen eine Sprache aus dem Munde gerissen, ihrem Leben die Intimität geraubt, ihnen jeden Geschmack an ihren Liedern und Gesängen genommen, sie zu Ausdrucksunfähigen gemacht, sie in Neue, Stumme verwandelt, und nun sind wir auch verpflichtet, ihnen an dessen Stelle mehr zu geben als bloßes oberflächliches Parlieren in der Sprache, eine Art hebräischen Jargon, und eine Verwirrung in den Begriffen, die der Mensch sich auf der Straße und beim kurzfristigen Besuch einer vollgedrängten Klasse erwirbt. Was sollen jene Zehntausende machen, die ohne Kenntnis der hebräischen Sprache hierherkamen und nun ganz auf unsere Gnade angewiesen sind? Wie werden sie einem Vortrag folgen, eine Vorstellung genießen können, und wie werden sie Vorlesungen verstehen und die Stimmen der Wiedergeburt vernehmen können? Wie? Ich weiß in der ganzen menschlichen Geschichte keine so bereitwillige Aufsichnahme eines Urteilspruches durch die Massen. Aber den Uebergang erleichtern, die Menschen einer gewissen Normalität im neuen Leben zuzuführen, sind alle Führer verpflichtet. Und nun zum zweiten Punkt in unserer Arbeit: die arbeitende Jugend. Kinder und Knaben, die in den Aufbau investiert wurden: von elf Jahren an arbeiten sie lange Stunden bei schweren Arbeiten unter schlechten Bedingungen. Viele Kinder und Mädchen dienen in Privathäusern — sind den ganzen Tag über beschäftigt und manche auch an den Abenden. Die soziale Seite dieser Sache übergeht man besser mit Stillschweigen: wir haben uns scheinbar verpflichtet, Europa mit dem ganzen Schmutz seiner Ausbeutung und der Verkümmerung der körperlichen und seelischen Kräfte nachzuahmen. Und wir leisten diese Nachahmungsarbeit auf die vollkommenste Weise. Wenn aber die Stunde der Abrechnung kommt, wer weiß, wie teuer uns diese Sünde zu stehen kommen wird. Aber wer sorgt für die elementare Erziehung dieser Kinder? Von ihnen gehören etwa 40 Prozent zu den sefardischen Gemeinden, und ein großer Teil hat nie eine Volksschule besucht. Wer öffnet ihnen ein Tor zum Tempel der Lehre ihres Volkes, wer reißt ihnen ein Fenster auf zur allgemeinen Bildung? Die „Waadath Hatarbuth" hat für sie fünf Schulen eröffnet und hat in ihnen unter der Aufsicht von 16 Lehrern etwa 500 Schüler versammelt, die an den Abenden — zwei Stunden allabendlich — 182