Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 180 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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und Völker es gibt, in deren Mitte wir lebten, so viel Kulturen haben wir gehabt, und unsere Leistungen gingen stets in ihren Leistungen auf, sodaß wir unseren Anteil nicht erkannten. Manchmal hielten wir uns für „Kulturvermittler": zwischen Asien und Europa, zusammen mit den Arabern, im Mittelalter; zwischen West- und Osteuropa und später, in der Neuzeit, zwischen Ost- und Westeuropa. Vermittler, Verbreiter, Künder des Wesens der Kultur, aber nicht Schöpfer: der Fluch des „Handels" hat uns auch bis zu diesem Gebiete verfolgt. So sprachen unsere Feinde über uns und so begannen wir selbst über uns zu sprechen. Außer einem Körnchen Wahrheit lag darin viel Psychose: wir begannen uns selbst zu beargwöhnen. In unserer neuen Literatur sahen wir russische, deutsche, französische, englische und andere Motive. Und wo unser eigenes Motiv war, konnten wir nicht aufzeigen. Es ging so weit, daß wir unseren Nationalismus aus dem Nationalismus der Völker zu erklären begannen, während es doch vollkommen klar ist, daß bei keiner Nation der Welt das Nationale eine so fruchtbare und befruchtende Kraft hatte wie in unserem Leben. Es kam so weit, daß selbst der Sozialismus, der doch das Streben der gesamten modernen Welt nach Verwirklichung prophetischer Ideale darstellt, bei uns als fremdes Propfreis galt, und zwar nicht bloß bei den Gegnern des Sozialismus, sondern auch bei seinen Fahnenträgern. Und dieser Selbstargwohn hat dazu beigetragen, daß wir hierher, nach Palästina, kamen, um unserer Originalität einen Tempel zu bauen, unser Denken und Fühlen zu vertiefen, uns selbst zu erkennen, unsere Besonderheit festzustellen und mit der Weiterentwicklung an unserer wieder enthüllten Eigenart zu beginnen. Wir sind hierhergekommen, um uns selbst zu suchen: Wenn es Länder der großen Möglichkeiten, der großen Erfolge gibt — unser Land ist das Land des großen Suchens. Und daher unser Kampf gegen jeden, der dieses Kleinod berührt — wir sehen in ihm einen, der uns in das Chaos der Fremdheit, in die Niedrigkeit des Parasitentunis zurückstößt. Das Streben nach Ursprünglichkeit hat uns zum Ursprung gebracht: ins Land der Väter, zur Sprache der Väter und, darüber hinaus, zur Kultur der Urväter. Nicht unsere ganze Vergangenheit aufzuheben sind wir gekommen, sondern zur Epoche der Originalität in unserer Vergangenheit zurückzukehren, jener Originalität, die ein Maßstab für die Ursprünglichkeit unseres Schaffens in allen Generationen ist. Diejenigen Generationen, die ihren Weg klar vor sich sahen, gingen im Licht der Bibel, der Halacha und Agada. Und unsere Generation, die suchende, auch sie trägt ihr Licht in der Hand: noch ist für sie das Licht der Bibel nicht erloschen und das der Agada nicht trübe geworden. An diesem Punkte hält sie sich fest, er dient ihr als Ausgangspunkt für die Weiten ihres Suchens. Dies und noch ein anderes: Das Streben nach Originalität hat uns die Wahrheit nicht vergessen lassen, daß es eine allgemeine menschliche Welt gibt, in der sich die nationale Originalität offenbart. Wer von dieser Welt weg nur in sich selbst flieht, findet große Leere, und nur, wer das Joch der Herrschaft dieser ganzen Welt auf sich nimmt, findet genügend Weite, Höhe und Tiefe zur Selbst- 180