Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 134 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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rüden Anwürfe machten: Eines Tages kommt ein Paket, kunstgerecht verschnürt, Karton in Karton, darin ganz zuunterst ein Damenhemd, so wie seine Frau sie trägt. Einer mußte sie so gesehen haben. Sie besuchten ja die Bordelle. Warum sollte einer nicht auch an ihr seine Jugend erprobt haben? Und sie--. * Wer hat Josef Blau so zugerichtet, wer hat ihn zum seelischen Hinkemann gemacht? Es ist nicht das Mißgeschick eines Individuums. Es ist die Schuld und das Produkt einer Klasseneinteilung von hoch und niedrig, arm und reich. Auch er ist Anklage gegen eine menschenschändende Gesellschaftsordnung. Er um so mehr, da er ausersehen war, Beweis zu führen gegen den Vorwurf des Chaos, da gerade er zeigen sollte: die bestehenden Zustände sind einzig und allein das Resultat um die Macht ringender Fähigkeiten und Begabungen unter Ausschaltung aller anderen Einflüsse. Denn Josef Blau, Halbproletarierkind, wurde aus seinem Milieu herausgerissen, um ihm die Wohltat bürgerlicher Bildung angedeihen zu lassen. Stipendienkind. Die Spuren haben sich nie in seinem Habitus verwischt. Linkisch, geduckt, unfrei wagte er nie, nein zu sagen, und ließ jede Situation über sich Herr werden. Als er gleichberechtigt war, als die Bürger ihm ihre Kinder anvertraut hatten, war er immer noch unterlegen. Er sah seinen schäbigen Anzug und verglich ihn mit den Kieler Matrosenanzügen seiner Zöglinge, und die Kluft zwsichen beiden Klassen war ihm klar. Es war aber keine Feindschaft, sondern Erniedrigtsein eines Knechtes, der es hinnimmt, Knecht zu sein. Und wiederum Knecht sein durfte er nicht vor denen, die er lenken sollte. Eben aus diesem grausamen Unterlegenheitsgefühl erwuchs die grausamste Tyrannei gegen die Knaben. Blind schritt er an ihnen vorbei, scherte sich nicht um den nach Hingabe drängenden jungen Menschen, war nur auf die Erhaltung seiner starren Macht bedacht. Und doch zerbrach sie. Uebrig blieb eine satanische Fratze des Lehrers Blau, die Grauen lehrte und den Schüler X. in den Tod trieb. Selbst als Lehrer Blau völlig überflüssig war, er keinen mehr lehren konnte, war er verstrickt in das Verderben der Kinder. So sah er nur noch seine Schuld. Die überindividuelle Einheit des menschlichen Lebens trat ihm nur noch in Gestalt eines Mechanismus zur gegenseitigen Vernichtung entgegen. Er war verstrickt in eine unentwirrbare, unheilvolle Kausalität, der er sich entwinden mußte. Denn er war doch ein Mensch. Trotz allem. Es war noch ein Proletarierkind, das mit ihm aufgewachsen war. Das haßte ihn mit dem Recht der zurückgestoßenen Kreatur. Modlizki hieß der Junge. Jetzt war er Diener. Der tat nichts weiter, als man ihn geheißen. Er diente seinem Herrn und auch der Jugend des Hauses. Er v/ar jedem zu Willen, mit dem fatalistischen Glauben an die Selbstvernichtung der Bourgeoisie. Er führte die Söhne in die Bordelle und wartete, bis Ekel sie überkäme und die Nerven ihnen rissen. Er tat nichts. Er wartete. Er haßte die Bürger nicht, weil sie so vieler Teilnahme nicht wert waren. Er bedurfte keiner Aktivität, denn seine Zeit mußte kommen. Nur Blau, den Ueberläufer, verfolgte er mit giftiger Wut. Er schlich ihm nach in die finsteren Windungen seiner Seele, um sie dem allgemeinen Gelächter preiszugeben. Da setzt nun die prinzipielle Auseinandersetzung zwischen der allgemeinmenschlichen Existenz und dem proletarischen Bewußtsein ein. Kampf mit dem Bürgertum, d. h. Anteilnahme, wenn auch negative, oder dumpfes, geducktes Warten auf den Moment seines Verendens? Inwieweit das tatsächliche Geschehen die Unmöglichkeit einer weist, ist ohne Belang. Handelt es sich doch um eine seelische Haltung des Menschen, die unter Ueberwindung der Wirklichkeit einzunehmen wäre. Prinzipielle Gegensätze müssen ja um ihrer Erfassimg willen so zugespitzt werden, 134