Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 135 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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daß sie nicht mit dem realen Leben übereinstimmen. Josef Blau überwindet diese Modlizkische Doktrin. Es wäre doch immerhin die Möglichkeit für ihn gegeben, sich aus dem Gewirr der Schuld mit einem Ruck zu reißen und sich neben die Welt zu stellen und sie zu teilen in Bourgeoisie und das, was da kommen wird. Ich will es nicht leugnen, es liegt unbedingt Größe darin, sich so von allem loszureißen und nur auf sich zu beruhen, Blau aber geht einen anderen Weg. Vielleicht ist seinem Bewußtsein schon zu tief die Empfindung für die Zusammengehörigkeit alles Existierenden eingegangen, als daß er noch die Kraft aufbrächte, sich zu lösen. Er will Schluß machen mit seinem Leben. * Sinnlos kam ihm die Verstrickung seines Lebens in die Schicksale der anderen vor. Er sah keine Ordnung in der Folge von Schuld, Schuld und nochmal Schuld. Da aber jeder Mensch nach Sinn strebt, um ihm sich unterzuordnen, und Blau den Sinn nicht fand, fühlte er sich unfrei, Puppe nur. Von der Welt, von seinen Schülern gehöhnt und gehaßt, trat ihm die Zwecklosigkeit seines Wirkens entgegen. — Wie nun, wenn eine Sekunde ihm die Aufgabe brächte, die ein Leben lohnt, gelebt zu werden? Diese Aufgabe kam. Es war eine Situation, die ihn oft schon getroffen; nur war er stets mit stumpfen Augen an ihr vorübergegangen. Dieselbe Situation war ein andermal in eine Katastrophe ausgelaufen, in einen Selbstmord. Jetzt, da Blau nichts mehr zu verlieren hatte, da er nicht mehr ängstlich die Grenzen seiner Macht zu hüten hatte, jetzt konnte er sehen: ein Mensch, ein junger Mensch brauchte ihn. Da wurde ihm der Zusammenhang alles Seins klar; er erkannte, w,arum er diese Qualen leiden mußte. Um hin zu gelangen zu jenem Augenblick, wo er sich aufgeben wollte, um den Menschen neben ihm zu finden. Er sah einen alles umfassenden Plan, nach dessen Ordnung sich alles vollendete. Aber diese Vollendung war keine Ende, nur ein neuer Anfang zu einem neuen Kreislauf menschlichen Lebens, in das wieder so und so viele Millionen versponnen sind, denen sich noch nicht das Leben erschlossen und die ringen müssen wie er. Josef Blau kehrte zurück zu seiner Frau und zu seiner Klasse. Vielleicht durfte er hoffen, daß Eifersucht und Furcht und Einsamkeit ihn nicht mehr peinigen werden, vielleicht würde die Hetzjagd weitergehen. Er wußte eins, es liegt in allem ein Sinn, auch im Leiden. Er war frei, und frei lud er das Leben auf sich. Denn ein Sinn war es, in dessen Zusammenhang er sich reihte, um dem Sein und dem Werden zu dienen. * Wir ringen mit der Galuth. Uns fehlt nicht nur das Land unter den Füßen, auch die Heimat unseres Geistes. Vielleicht kann Ungar dazu beitragen, einmal zu beginnen mit der großen Auseinandersetzung: Wo soll die Heimat unseres Geistes sein? Wir sind in einem engen Realismus verfangen. Wir begnügen uns, eine Erscheinung aus der anderen zu erklären, vielleicht sogar, eine ganze Kette von Ereignissen, unter ein „System" zu bringen. Aber wir finden keine persönliche Beziehungen zu den Ereignissen der Welt. Wenn wir an unser eigenes Leben den Maßstab legen, mit dem wir gelernt haben, die Welt zu messen, ist Leere in uns und um uns. Unserem rationalistischen Realismus sind Grenzen gesetzt. Jenseits der Grenzen beginnen erst unsere Fragen. Unser Geist aber hat ein Prinzip ausgeheckt, eine Theorie, in der die Welt zur Maschine und wir zu Räderchen geworden, die seelenlos funktionieren. Wir rufen mit Stolz und Selbsterkenntnis in die Welt: „Wir haben keinen freien Willen!" und fordern von uns und anderen Spannung und Vollkraft, um ein Leben zu bauen, wie wir es nur unter Aufbietung aller Energie und wachster Konzentration werden leisten können. Mir scheint, wir müßten viele unse- 135