Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 125 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Seitdem das jüdische Bürgertum in Deutschland mit der allgemeinen Entwicklung zugleich in den Zustand einer gewissen Sicherheit und inneren Erstarrung zurückgefallen ist, traten alle jene Schwierigkeiten der zionistischen Propaganda auf, die wir zur Genüge kennen. Und letzten Endes ist ja die Frage der Propaganda ein wesentliches Symptom der zionistischen Galuthschwierigkeiten und auch mit Ursache der Unzufriedenheit, die wir alle mehr oder weniger in uns tragen. Noch eine besondere Ursache ist in diesem Zusammenhange anzuführen: Jene Führergeneration, die vor einigen Jahren einen in gewissen Grenzen gelungenen Angriff auf die nichtzionistische Umwelt machte, steht heute isoliert und vereinsamt da. Es ist diesem Kreis führender Menschen nicht geglückt, die Bewegung als ganzes für die Dauer und bis zu einer gewissen Tiefe mit den erstrebten Ideen zu durchsetzen. Andererseits gelang es auch nur nur in verschwindend wenigen Fällen, aus den Reihen der zionistischen Jugend Menschen wirklich mit diesem tragenden Kreise des deutschen Zionismus zu verbinden. Auch die Masse der alten Zionisten nahm trotz aller politischen Bekenntnisse zugleich mit der sich befriedenden Umwelt eine durchaus bürgerliche Haltung ein. Der führende zionistische Kreis seinerseits scheute sich, einen bewußten Trennungsstrich zur bürgerlichen Welt zu ziehen, lehnt also auf der einen Seite das in sich beruhende geistig erstarrte Bürgertum der Umwelt und auch der zionistischen Reihen zwar theoretisch ab, hält sich aus politischen und ökonomischen Erwägungen auf der anderen Seite aber von einer sozialistischen Entscheidung fern. Das Schicksal gerade der besten Kräfte des deutschen Zionismus erscheint mithin als ein durchaus persönlich tragisches und sachlich verhängnisvolles: Man kämpft gegen eine Umwelt, die sich nicht mehr zum Kampfe stellt, und man versucht die Aktivierung gewisser zionistischer Kreise, die nicht mehr aufzurütteln sind. Der Führerkreis lebt damit in einer sehr starken Isolierung von fast allen Teilen der Bewegung und ist — unerachtet aller politischen und geistigen Fähigkeiten — zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Jede weitere zionistische Arbeit bzw. die Träger derselben in der Zukunft werden sich diese Entwicklung vor Augen halten müssen, um solche Gefahren zu vermeiden. Im Rahmen dieser schwierigen Lage des Galuthzionismus steht die sozialistisch-zionistische.Bewegung organisatorisch vielfach gespalten und nicht sehr einflußreich da. Man kann andererseits wohl voraussetzen, daß es gewisse Gemeinsamkeiten der gesellschaftlichen und auch der ökonomischen Auffassung gibt, welche dem sozialistischen Zionismus innerhalb der nationalen Bewegung wie auch gegenüber der Umwelt eine einheitliche Stellung verleihen und die Möglichkeit gemeinsamen Vorgehens herbeiführen. Innerhalb der geschilderten Verhältnisse ist die Stellung der Jugend des sozialistischen Zionismus eine besondere. Solange es möglich war, die Schwierigkeiten des Aufbaus wie überhaupt der gesamten zionistischen Situation noch nicht klar zu erkennen, solange nämlich die Bewegung im Fortschreiten war, geriet die Jugend mit der Parole 125