Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 123 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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tariat ein.*) Das Bürgertum will in seiner Politik die nationalen Werte schützen. Alle um ihren Besitz fürchtenden Klassen schätzen das Nationale als Ausdruck des Historisch-Gewordenen. Dagegen sind „alle aufstrebenden Klassen, die die Macht in der Gesellschaft sich erst erkämpfen müssen, rationalistisch. Denn alles historisch Ueberkommene schätzen sie nicht; ist es doch der Angriffspunkt ihres Kampfes" (S. 151). Nicht immer stand das Bürgertum in Ehrfurcht vor dem Geschichtlich-Gewordenen: als es sich im Kampfe gegen die Macht des Adels und der Geistlichkeit seine Herrschaft in der Gesellschaft eroberte, war gerade das Bürgertum Wegbereiter des Rationalismus. Aber der rationalistisch begründete Klassenkampf des Proletariats will erst die historisch gewordene Eigenart der Nation voll entfalten, „deshalb lacht die unterdrückte Klasse aller derer, die ihren Klassenkampf damit bekämpfen wollen, daß er der Eigenart der Nation widerstreite, da doch erst ihr Klassenkampf sie zum Gliede dieser Nation machen kann" (S. 153). Die nationale Politik des Bürgertums ist konservativ-national, ihr handelt es sich nur um Entwicklung der Nation; die nationale Politik des Proletariats ist „evolutionistisch*)-national", ihr geht es um „Entwicklung des gesamten Volkes zur Nation" (S. 160), Das Proletariat ist jedoch der nationalen Frage gegenüber, nicht immer rationalistisch eingestellt: „Der Arbeiter ist dort national, wo die Nation sich gegen ihre Unterdrücker wendet, wo die Großen und Mächtigen unserer Gesellschaft die Gegner im nationalen Kampfe sind, wo der Umsturz des Bestehenden das Ziel nationaler Politik ist" (S. 302). Es muß unterschieden werden zwischen der Wertung des Nationalen bei dem Arbeiter der unterdrückten Nation und bei der Arbeiterschaft der national gesättigten Völker: „Wenn der revolutionäre Instinkt" bei jenem „zum naiven Nationalismus führt, so erzeugt er" bei dieser „einen naiven Kosmopolitismus" (S. 304). Seine praktische, gewöhnlich als einzige politisch gewürdigte Pointe erhält das Problem der Nation dort, wo es sich um die Berührung zweier Nationen an den Grenzen, oder im Wirtschaftskampfe handelt oder da, wo mehrere Nationen auf demselben Territorium, zusammenwohnen. Gerade der letzte Fall wird von Bauer am ausführlichsten behandelt und gerade der Notwendigkeit, die Verhältnisse mehrerer Nationen auf demselben Boden, die sogenannte Nationalitätenfrage in sozialistischem Geiste zu lösen, dankt das für die akuten Nöte des alten österreichischen Staates berechnete Buch seine Entstehung. Auch hier weist Bauer die ökonomische Bedingtheit des Kampfes mehrerer Nationen auf demselben Boden nach: Immer ist eine herrschende Nation vorhanden, die nicht nur die kulturelle, *) Vorher macht Bauer eine Bemerkung über den Unterschied der Bedrückung durch nationale Fremdherrschaft und durch die herrschende Klasse: Die Bedrückung durch nationale Fremdherrschaft ist äußerlich wahrnehmbare Fremdherrschaft, Herrschaft des eigen nationalen Bürgertums ist gewöhnliche, der gleichen Nationalität wie der Beherrschte angehörende Fremdherrschaft. Die äußere nationale Fremdheit wird aber deutlicher empfunden als die Klassenfremdheit. *) evolutionistisch hier natürlich nicht im Gegensatz zu revolutionär gemeint. 123