Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 122 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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am kulturellen Schaffen der Nation ist für die einzelnen Klassen der Nation nicht zu allen Zeiten gleich groß; je stärker die Teilnahme ist, desto stärker tritt der Nationalcharakter der Angehörigen hervor, desto ausgeprägter ist der gemeinsame Nationalcharakter. Bauer geht kurz auf die Entstehung der deutschen Nation ein: „Eine Kulturgemeinschaft aller ritterlich Lebenden war es, die zunächst die herrschenden Klassen aller Deutschen verband; sie ist es, die zuerst die Deutschen zur Nation zusammengeschweißt hat." (S. 43) Die deutschen Bauern dagegen hatten „an all dem, was die Nation einte, keinen Teil." „So bilden die deutschen Bauern damals gar nicht die Nation, sondern sie sind nur die Hintersassen der Nation." (S. 50) Der moderne Kapitalismus erzeugte einerseits „eine wahrhaft nationale, die engen Grenzen der Dorfgemarkung überspringende Kultur des ganzen Volkes." (S. 90) Diese Leistung konnte er vollbringen, weil er die Freizügigkeit, den Verkehr, eine ungeheure Steigerung der Produktivkräfte brachte, die Reichweite des nationalen Gedankens gegenüber früheren Zeiten sehr stark erweiterte. Aber auch heute ist die nationale Kultur nicht die Kultur der ganzen Nation, sondern die nationale Einung wird vollzogen durch die Kultur der herrschenden Gesellschaftsklasse; das Proletariat ist weitgehend von dem kulturellen Schaffen der Nation ausgeschlossen, ist „Hintersasse" der Nation. Derjenige, der das Werden der Nation durch seine Arbeit ermöglicht, der das ungeheure Wachsen der Produktivkräfte wirksam werden läßt, hat nicht teil oder nur in geringem Umfange teil an der nationalen Kultur. „So ist es das Gesetz unseres Zeitalters, daß die Arbeit des einen zur Kultur des anderen wird" (S. 92). „Die Tatsache der Ausbeutung . . . setzt aller Erziehung der breiten Massen des arbeitenden Volkes zur Teilnahme an der geistigen Kultur der Nation eine Schranke. Die Tatsache der Ausbeutung hemmt daher auch das Werden der Nation als Kulturgemeinschaft . . ." (S. 92). Die neue sozialistische Kultur wird aber dadurch charakterisiert sein, „daß die Arbeitenden und die Genießenden identisch sind. Daß die Schöpfer der Kultur gleichzeitig ihre Nutznießer sind" (S. 102). In der sozialistischen Gesellschaft wird eine steigende Differenzierung der Nationen eintreten, „schärfere Ausprägung ihrer Eigenart, schärfere* Scheidung ihrer Charaktere voneinander" (S. 105). Das erklärt sich daraus, daß die die Kultur tragende Schicht das ganze Volk sein wird, daß jeder Gedanke einer anderen Nation nicht mehr nur von einer kleinen Oberschicht angenommen werden kann, „sondern daß er aufgenommen, dem ganzen geistigen Sinn von Millionen einverleibt, angepaßt werden muß." „Durch die Tatsache der „nationalen Apperzeption" wird jeder Gedanke dem Wesen der eigenen Nation angepaßt, von ihr erst verändert werden müssen, ehe er aufgenommen wird" (S. 107), die „Ineinssetzung mit der ganzen Geschichte der Nation" muß jedesmal vorgenommen werden. Bauer geht dann in einer „Kritik der nationalen Werte" auf die gegenwärtige Wertung des Nationalen beim Bürgertum und beim Prole- 122