Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 120 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Gibt es in Eurem Lager wenigstens ein „Minjan" von Menschen Deines Schlags? 5. Schämen sich die palästinensischen Jüdinnen nicht eines jüdischen Namens? 6. Sprecht Ihr unter Euch nur Hebräisch und in welcher Aussprache? Diese Fragen lege ich Dir vor, natürlich nur aus nationaler Neugierde und nicht in bezug auf meine Reise nach Erez Jisrael, denn wie es auch sein mag, diese Sache ist bei mir beschlossen. Möglicherweise bringen wir es noch zu etwas. Wenn nur Lehm und Ziegel vorhanden sind, so führen wir einen großen und hohen Bau auf, dessen Haupt bis an den Himmel reichen wird. Und auf unser Banner werden wir schreiben: „Ihr sollt Euch heiligen und heilig sollt Ihr sein, denn heilig ist der Gott unseres Volkes."--- GEORG LUBINSKI: SOZIALISMUS UND NATIONALISMUS Bemerkungen zu Otto Bauer: „Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie"*) Die sozialistische Bewegung hat verhältnismäßig erst spät zu der nationalen Frage ausführlich und grundsätzlich Stellung genommen. Die fruchtbarste Behandlung der Frage erfolgte durch Otto Bauer in seinem Buche: Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie. Die folgenden Ausführungen haben den Zweck, mit den Gedankengängen dieses Buches bekannt zu machen und in ihrem letzten Teile, die Stellung Bauers zur Judenfrage kritisch zu würdigen. Die große Bedeutung des Buches besteht darin, daß es die nationale Frage von einem konsequent marxistischen Standpunkt aus behandelt, und zwar unter grundsätzlicher Bejahung der Kategorie der Nation. Es hält sich fern jenem naiven Kosmopolitismus des Proletariats „national gesättigter" Völker, das in dem nationalen Gedanken nur eine Erfindung der Bourgeoisie zur Unterdrückung des Proletariats sieht. Es stellt vielmehr dem nationalen Gedanken in seiner kapitalistischen Verzerrung des modernen Imperialismus die sozialistische Auffassung vom Wesen der Nation gegenüber. Das geschieht zunächst durch eine grundsätzliche Bestimmung des Wesens der Nation. Bauer definiert Nation als eine Charaktergemeinschaft, die nicht auf Gleichartigkeit des Schicksals, sondern auf Schicksals gemeinschaf t beruht (S. 113). Charaktergemeinschaft ist die Nation insofern, als alle ihre Angehörigen trotz ihrer Verschiedenheit voneinander in ihrem Charakter gemeinsame Züge haben, die sie alle untereinander ähnlich und von den Angehörigen anderer Nationen verschieden erscheinen lassen. Die Nation ist „ein Prozeß des Werdens, in ihrem Wesen bestimmt durch die Bedingungen, unter denen die Menschen um ihren Lebensunter- *) Marx-Studien, 2. Band, Wien, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, 1. Auflage 1907, 2. Auflage 1924. (Die Seitenzahlen beziehen sich auf die erste Auflage.) 120