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Der junge Jude · 1928-05-01 · Heft 4 (Mai 1928) · p. Seite 110

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Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Mai 1928)
Date
1928-05-01
Page
Seite 110 (sequence 10)
Language
German
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Der „Hameorer" hält fest an dem Gedanken, daß trotz des Niedergangs und Zusammenbruchs, trotz der Metzeleien und Verwüstungen, die tagtäglich über unser Volk hereinbrechen, jener Verwüstungen und Pogrome, für die es in der Menschheitsgeschichte keine Parallele gibt, die das Gefühl abstumpfen und das Denken unserer unglücklichen Jugend verwirren, es noch in unserer Mitte eine kleine Schar jüdischer Menschen gibt, deren Herz heilig, deren Seele rein und deren Geist hell geblieben ist, und die noch Kraft genug in sich finden, ihren eigenen Weg zu gehen. Der „Hameorer" glaubt, daß wir die hebräische Sprache, trotzdem sie — zu unserem großen Unglück — nur einem winzigkleinen Teile des jüdischen Volkes verständlich ist, daß wir, dieser kleine Rest, sie nicht im Stiche lassen dürfen. Wir dürfen uns nicht noch ärmer an geistignationalem Besitz machen, als wir bereits sind, und willentlich die einzige Quelle für das Verständnis des Daseins unserer Nation, den einzigen Schatz ihrer geistigen Väter verlassen.--- Jakob Fichmann über den „Hameorer" Der „Hameorer" hat vielleicht zu seiner Zeit nicht so stark gewirkt, als durch jenes Schreckensecho, das er in uns zurückließ. Sein tragischer Niederbruch war uns allen ein Warnungszeichen. Es tat sich der Abgrund auf und wir erkannten „die ganze Fäulnis des Hauses Juda" — wir erkannten auch unsere ganze eigene Nichtswürdigkeit. Er offenbarte uns zum ersten Male unsere ganze Verwaistheit, unsere starke Isoliertheit. Er rang vor unseren Augen, fiel nieder, erhob sich und fiel wieder, und wenige gab es, die auf seine Verzweiflungsrufe reagierten und zu Hilfe eilten! Wenn Brenner nach diesem beschämenden Zusammenbruch zum Paroxismus der Verzweiflung kam, wenn er Augenblicke hatte, in denen er sterben, lebendig begraben sein wollte, sterben als Mensch, als Schriftsteller, als Schaffender — so geschah das aus Enttäuschung auch über uns, aus brennender Scham. Die Briefe Brenners an uns aus jener Zeit, diese verzweifelten Rufe, die er während der zwei schrecklichsten Jahre seines Lebens, der „Hameorer"-Jahre, uns sandte, sind vielleicht die tragischsten Dokumente unseres Zeitalters. Zorn und Flehen, Verzweiflung und Hoffnung zuckten abwechselnd in ihnen. Er sah deutlich, daß es niemand gab, mit dem er hätte gehen können, daß wir alle lässig und gleichgültig waren; aber jedes Zeichen einer auch nur geringen Anteilnahme unsererseits richtete ihn auf, goß neue Kräfte in ihn, und er rang weiter. Er konnte sich nicht mit dem Gedanken abfinden, daß auch die Nahen tatenlos beiseite stehen. Es kam jedoch jener Tag, an dem er sich nicht mehr hinwegtäuschen konnte. Und der „Hameorer" ging ein. An S. Bichowsky. London, Herbst 1905. ---Das „Heft"1) ist an Dich abgesandt. Wenn Dir der Inhalt nicht gefällt, so wirst Du Dich vielleicht an dem schönen Druck ergötzen, an *) Die Erzählung „Er sagte ihr" von I. Ch. Brenner. 110

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