Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 106 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die ganze zionistische Bewegung, nicht nur unsere, erhielt sich aus diesen Eroberungen und sog aus den Quellen dieses Chaluzschaffens ihre Kraft, In jenen Jahren gab es nur ein Wort bei den zionistischen Bannerträgern der ganzen Welt: der Chaluz in Erez Israel und das Chaluzwerk in Erez Israel. Infolge dieser großen Eroberungen begann eine gewaltige Massenalijah, die das Flußbett der Chaluziuth völlig überschwemmte und große Volksmassen mit sich riß — ein Ansturm des sogenannten Mittelstandes auf das Land. Aber dieser große volkstümliche Alijahstrom, den wir herbeigesehnt hatten und der allein das Land aufzubauen vermag, hatte das Unglück, daß ihm das fehlte, was die Chaluzalijah hatte: Führer, Wegweiser, die ihnen bei ihrer Absiedlung auf Grund einer langjährigen praktischen Erfahrung auf allen Gebieten des Lebens zur Seite standen, und die schon vor ihrer Ankunft sie auf die neuen Verhältnisse im Lande vorbereiteten. Dieser erzieherische Faktor fehlte der breiten Massenalijah, und so wandelte sich ihre schöpferische Kraft ins Gegenteil. So befinden wir uns nunmehr im Stadium der Reaktion des baalebatischen Zionismus gegen das zionistische Werk im Lande, da sich zeigte, daß die einzige zionistische Leistung im Lande die des Arbeiters ist. Aus Enttäuschung, aus dem Mißerfolg seiner eigenen Tätigkeit hat der bürgerliche Zionist das Vertrauen zum Zionismus selbst verloren, und aus dem Mißerfolg seines Werkes folgert er einen Mißerfolg des Zionismus selbst. Das ist die Erklärung für die Liquidationstendenz, die sich jetzt allenthalben-in den Kreisen des bürgerlichen Zionismus zeigt bis hinauf zu seinen Hauptführern. Und die Arbeiterschaft im Lande ist wiederum zu dem geworden, was sie vor 20 oder 25 Jahren in den Kolonien war: ein Häuflein Isolierter, Unverstandener — natürlich in einem größeren Maßstab wie damals. Sie ist nicht nur vereinsamt in ihrem Werke, bei dem ihr niemand hilft, und zu dem sich von seiten der allgemeinen Bewegung nicht positiv verhält, sondern vereinsamt auch in ihrem großen Glauben an die Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens in Erez Israel, in ihrem Glauben an die großen wirtschaftlichen Möglichkeiten, die das Land in sich birgt, und an das Vermögen des jüdischen Volkes, sein Land aufzubauen. Noch einen weiteren Grund gibt es für diese Vereinsamung und Belagerung, in der sich zurzeit unsere Bewegung befindet. Unsere Bewegung im Lande ist eine Aufstandsbewegung. Es gab viele Aufstandsbewegungen in der Geschichte des jüdischen Volkes, Wenn wir nur das letzte Jahrhundert betrachten: die Haskalah war eine Aufstandsbewegung gegen das Ghetto, gegen Ghettokultur und Ghettoleben, der große Durchbruch in die Weite, ins Menschliche. Diese Bewegung führte zur Erneuerung des jüdischen Lebens trotz aller Negationen, die ihr innewohnten. Es gab eine zweite Empörung — die Chibbath-Zion, und eine dritte die allweltliche jüdische Arbeiterbewegung, der Bund, die sich gegen die Erniedrigung der Juden auflehnte, gegen ihre Furcht vor dem Nichtjuden, gegen die Bedrückung des jüdischen Handwerkers und Arbeiters. Sie war die erste, die das Banner des Kampfes für die Gleichberechtigung und Organisierung des Arbeiters und für den aktiven Kollektivkampf zur Organisierung des jüdischen Lebens erhob. Es gab noch eine weitere Empörung, den politischen Zionismus, der mit einem Male der jüdischen Nation eine aufrechte 108