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Der Israelit · 1904-12-05 · Heft 96 (5.12.1904) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 96 (5.12.1904)
Date
1904-12-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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wegen Mißhandlungen und Verletzungen während des Krawalls zu führen wagte, wurde ohne weiteres als Tbeilnehmer an dem „Aufstande" verhaftet, mancher mußte die Strapazen der 1>4monatlichen Voruntersuchung erleiden und sitzt jetzt auf der Anklagebank. Fürst S. D. Urufsow und die Jude« von Bestarabie«. K i s ch i n e w, 2. Dez. Der wegen seiner Gerechtigkeit sehr beliebte Gouverneur von Bessarabien. Fürst Sergei Dmitrijewitsch Urussow. ist nach kurzer Amtsthätigkeit in diesem Gouvernement nach Twer versetzt worden. Zur Abfchiedsfeier für denselben waren aus allen Städten und Dörfern Beffarabiens Abgesandte jüdischer Gemeinden nach Kischinew gekommen. Die Feier fand dieser Tage in der Chorsynagoge an der „Tbalmud-Thora" statt. Der Saal konnte die Anwesenden kaum fassen. Um 1211» Uhr erschien im Tempel der Fürst mit seiner Gemahlin und seinen Kindern. Nach dem Begrüßungsgebete überreichte der Prediger Kotlowker dem Fürsten als Geschenk der jüdischen Gemeinde eine Prachtausgabe des Alten Testaments in russischer Uebersetzung. Nach dem Gottesdienst wurden dem Fürsten Adressen von der Kischincwer jüdischen Gemeinde und von den Juden der Städte und Dörfer Bessarabiens unterbreitet. Der Fürst nahm die Bibel mit Dank und bemerkte in seiner Ansprache u. a. Ich werde daran denken, daß Ihre Bibel, welche die Quelle der religiös-ethischen Gesetze der Mehrzahl der Kulturmenschen bildet, ein Werk des jüdischen Geistes, die Geschichte des großen jüdischen Volkes darstellt, und daß dieses Volk, nachdem es die erste Epoche seiner Geschichte durchlebt und anderen seine geistigen Schätze übergeben hat, sich in der ganzen Welt zerstreut und nicht aufgehört hat, der Menschheit große Ideen und große Männer auf allen Gebieten des Gedankens und der That zu schenken. Ich.bemerke ferner, daß die Juden ein lebendiges, thätiges und talentvolles Volk sind, und daß das Schicksal auch jetzt nock nicht selten die Juden zum Werke des Fortschritts in den verschiedensten Gestalten wählt. All diese Thatsachen dürfen bei Beurtbeilung der Rolle der Juden im jetzigen Leben nicht vergessen bleiben. Nicht in den Nichtigkeiten. die uns alltäglich vor Augen treten, sondern in den allgemeinen breiten Zügen des geschichtlichen Lebens unseres Volkes müssen wir einen Stützpunkt zur richtigen Beurtheilung der jetzigen Juden suchen. Was meine persönlichen Eindrücke während meiner Thätigkeit in Bessarabien anbelangt, so muß ich sagen, daß ich nichts als Gutes von Ihnen gesehen habe. Ich erkannte bald Ihr Vertrauen zu nur, und dieses Bewußtsein hat mir die Regierungsaufgabe, die in Folge der unmittelbar vorhergegangenen traurigen Ereignisse sehr schwierig schien, erleichtert. Sie haben begriffen, daß die Wildheit und die Bestialität, die im vorigen Jahre in Kischinew Ausdruck fanden, jeden ehrlichen Russen empören mußten, und Sie haben auf den Vertreter der Regierung — der Sie nicht zu schützen vermochte — das. natürliche Gefühl des Verletztseins und der Empörung über den schändlichen Ausbruch der Leidenschaften, hervorgerufen durch Haß einzelner Personen und unterstützt von bösen Instinkten der Masse, nicht überfragen. Noch mehr, Sie drücken mir jetzt Ihre Dankbarkeit aus, an deren Aufrichtigkeit ich uicht zweifeln kann, für einfachste Pflichterfüllung und Gerechtigkeit, die Ha für jeden Menschen selbstverständlich sind. Indem ich die Wünsche des Herrn Predigers beantworte, bemerke ich, daß es mir höchstwahrscheinlich noch beschieden sein wird, an Arbeiten, welche die jetzige Stellung der Juden betreffen, theilzunehmcn. Wollen wir hoffen, daß diese Lage sich zum Guten wenden wird, und daß wir, indem wir für das Wohl des Vaterlandes arbeiten, auch zur Besserung des Ihrigen beitragen werden. Die jüdische Bevölkerung von Kischinew hat beschlossen. im jüdischen Krankenhause ein Bett zu Ehren des Fürsten Urussow und ein Stipendium auf seinen Namen im jüdischen Waisenhause zu stiften. Vermischtes. kt. Berlin. 28 Noo. Der vielgenannte Graf P ü cklcr ist wieder in Berlin eingetreffen und hat feine Thätigkeit wieder ausgenommen. Diesmal beschrankt er sich jedoch auf die Vororte, die dem Berliner Polizei-Präsidenten nicht unterstellt sind. In einer Rede, die er in Spandau gehalten haben soll, und die er im Druck verbreiten läßt, schildert er seine Erlebnisse wie folgt: »Vor einigen Tagen wollten mich die Kerle in Berlin in die Eharitb sperren, ich habe mich daher auf eine Welle dünn aemacht und. bin verduftet aus der Stadt, und das war vielleicht ganz gut. Auf Änrathen meiner Familie ging ich auf ewige Tage in eine Nervenheilanstalt bei München, um mich dort untersuchen zu lassen und den Beweis zu erbringen, daß ich noch ganz vernünftig fei. Ein politischer Führer darf vor nichts rurückichrecken, meine Herren, ich habe ja schon gebrummt im Gekängniß und auf der Festung, warum soll ich nicht einige Tage im TollhauS sitzen? ES war ja auch ganz gemüthlich in der allen verfluchten Bude, ich war natürlich der einzige Vernünftige unter den ganz verrückten Aesern und der dortige Arzt konnte auch absolut keine Spur von Wahnsinn bei mir entdecken, so sehr sich der Kerl auch Mühe gab, irgend ein Symptom der Verrücktheit zu konstatiren. Ich habe daher die alte Bude nach einigen Tagen verlassen und bin wieder nach Berlin zurückgcfahren, um den Kampf gegen die Feinde des Vaterlandes fortzuletzen mit erneuter Kraft und Energie." Heute Abend soll dem Grafen in der Tonhalle von seinen Intimen ein festlicher Empfang bereitet werden. Weener, im Nov. Der Sanitätsoffizier Dr. F. au4 Weener, über dessen antisemitische Gepflogenheiten wir vor Kurzem berichteten, wurde, wie gemeldet wird, zum Oberarzt der Reserve befördert. Der scharfe Zusammenstoß zwischen dem Dr. F. und Herrn H, I. von hier, im Hotel zum Weinberg, welcher im kommenden Monat das hiesige Schöffengericht beschäftigen wird, blldet einen wenig geeigneten Hintergrund für die oben gemeldete Beförderung. n.

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