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Der Israelit · 1904-12-05 · Heft 96 (5.12.1904) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 96 (5.12.1904)
Date
1904-12-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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größte Mehrheit aller Antisemiten auf dem Standpunkt ständen, daß wir im Rahmen gesetzlicher Mahnahmen eine Lösung der Judenfrage anstreben wollen, daß Gewaltmittel unserer Bewegung nur schaden könnten. (Lebhafter Beifall.) Der Redner geht dann auf die Geschichte der antisemitischen Bewegung in Deutschland ein und weist nach, aus welchen Gründen heutzutage der Antisemitismus berechtigt und sogar verpflichtet fei. stets mit lauter Stimme darauf hinzuweisen, wie gefährlich der Einfluß des Judenthums nach jeder Richtung hin in unserem Staatsleben sei und wie es Pflicht des gesammten Volkes und auch der Regierung sei, diesen Einfluß zu brechen, damit unser deutsches Vaterland nicht vollständig in geistiger, wirthfchaftlicher und politischer Beziehung unter die Herrschaft des Judentums und seiner Schildträger verfalle. (Stürmischer Beifall.) Der erste Tbeil der Rede geht natürlich gegen den Grafen Pückler, den dieselben Herren jahrelang in ihren Versammlungen haben sprechen lassen. Was den zweiten Theil anbelangt, so wird man abwarten müssen, ob und wieweit die antisemitischen Abgeordneten mit den «gesetzlichen Maßnahmen" kommen werden. Viel dürften sie kaum erreichen — aber es wäre mehr als thöricht, deßbalb den Gegner zu unterschätzen, der im gegebenen Moment Sukkurs von verschiedenen Seiten erhalten könnte, die heute noch abseits stehen oder gar sich solchen Bestrebungen abgeneigt stellen. Die veutsche freisinnige Bolksparlei und Graf Pückler. Berlin, 1. Dez. Die Fraktionen der deutschen und freisinnigen Volkspartei des Reichstags haben beschlossen. folgende Interpellation einzubringen: Hot der Herr Reichskanzler davon Kenntniß genommen, daß seitens des Grafen Pückler und seines Anhanges durch Reden in öffentlichen Versammlungen und durch Vertheilung von Flugschriften an öffentlichen Orten unter Verletzung von § 130 des Strafgesetzbuches in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene Bevölkerungsklassen zu Gewaltthätigkeiten gegeneinander angereizt werden? Welche Maßnahmen gedenkt der Herr Reichskanzler zu ergreifen, um einer Wiederholung solcher, den öffentlichen Frieden gefährdenden Verletzung der Reichsgesetze vorzubeugen? Der Krawall-Prozetz. H o m e l. Von den über 1000 Zeugen sind bis heute erst 288 vernommen worden, doch könnte die Zugenverne-.mung nach etwa zwei Wochen zu Ende gehen, da die Parteien auf die Vernehmung einer Anzahl unwichtiger Zeugen verzichten wollen. Verschiedene Zeügen sagten aus, daß sie vergeblich Schutz beim Militär und der Polizei gesucht haben. Ein hier seit langer Zeit praktizirender Arzt, Dr. Eheifez, erzählte in ergreifender Weise, wie sein Heim demolirt wurde, wie schutzlos die Juden waren und wie brutal und rücksichtslos die Radaumacher vorgingen, wie das Militär und die Polizei die «strengste Neutralität* bewahrten überall, wo es nicht galt, gegen die Juden einzugreifen, um sie an der Abwehr zu hindern. Andere angesehene Männer erzählten Aehnliches. Dr. Salkind theilte mit voller Namensnennung mit, wie er den ganzen Tag von einer Behörde zur anderen, von einem Offizier zum anderen gefahren sei und flehentlich um Hilfe gebeten habe, und wie alle seine Bemühungen vergebens waren. Herr Sacharin wußte auch von militärischen Maßnahmen zu erzählen, dieselben waren aber nur gegen die Juden gerichtet, während ihre Wohnungen demolirt wurden. Der Zeuge Golbin sagte aus. er habe sich, während die Plünderung und Zerstörung am Vahnhofsplatze im vollen Gange waren, an den dort ruhig stehenden Wachtmeister Rodisnow und dessen Soldaten mit der Anfrage gewendet. warum sie denn nicht einschritten, und habe die klare und offene Antwort erhalten: «Ja, wenn man es uns befohlen hätte, dann hätten wir in einem Moment den ganzen Haufen auseinandergetrieben: wir haben aber keinen Befehl erhalten . . ,* Der Zeuge Chaütin, der um Schutz bat. erhielt vom Polizeibeamten Tschemolurskn die Antwort: «Wenn Du auch 10 oder 20 Schläge bekämst, wäre es kein Unglück.* Unter den bis jetzt vernommenen wenigen jüdischen Zeugen wurden verhältnißmäßig viele von Offizieren, Soldaten und Polizisten oder in ihrer unmittelbaren Nähe geschlagen oder verwundet; oft gerade diejenigen Unglücklichen, die die Naivität hatten, bei den Beamten Schutz und Hilfe zu suchen. Ebenso eigenthümlich, wie die Veschützung der Juden, war nachher auch die Voruntersuchung. Es war sehr schwer, die Polizei zu bewegen, Haussuchungen bei verdächtigen und angezeigten Personen zum Zwecke der Auffindung der geraubten Sachen oorzunehmen. Manche erzählen sogar, daß mehrere von den Verdächtigen von der bevorstehenden Hausstichnng im Voraus benachrichtigt worden seien und daß ste daher das Geraubte ruhig in Sicherbeit bringen konnten. Anzeigen seitens der Juden wurden überhaupt mit größtem Mißtrauen entgegengenommen; manche wurden auf ihre Richtigkeit garnicht nackgevruft, sondern gleich abgelehnt, und so kam es, daß sich unter den Zeugen der Anklage Leute befanden, die eigentlich, wie es sich im Laufe der Verhandlungen herausstellte. auf der Anklagebank sitzen müßten. Als Zeugen bemühten sie sich natürlich, jeden Verdacht von sich abzuweisen und den Inden zuzuschieben. .Dies gelingt ihnen zwar nicht so leicht, aber unbestraft werden sie doch bleiben. Ganz anders'ging man mit den Juden vor: jeder, der bei der Polizei Beschwerde

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