Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 96 (5.12.1904)
- Date
- 1904-12-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2069 8* «an ist, die uneinnehmbare Mauer, die Goti, um sein Volk zu schützen, uns gegeben. Sie wissen, daß sie uns nichts anhaben können, so lange wir die Thora haben: — nu; Viele von uns wissen es leider nicht. Wüßten unsere Brüder, welch' kostbares Gut wir an unserer Thora haben, es wäre besser bestellt um unsere Gegenwart und wir könnten ruhiger und hoffnungsfreudiger in die Zukunft sehen. Denn täuschen wir uns nicht, das Bild, das wir uns von unserer Zukunft entwerfen müssen, ist ein solch düsteres, das; jedem, der sein Volk liebt und der im Ernst für sein Volk noch etwas in der Zukunft erhofft, das Herz sich in banger Sorge zusammenschnüren muß. Leer sind die Hallen, in denen Thora gelehrt und gelernt wird und gezählt die Männer, die sich mit Stolz als Träger der alten Thora bekennen. Man hat ja in jüngster Zeit ein Surrogat für diese Thora entdeckt; man nennt sie „Wissenschaft des Judenthums." Seien wir doch ehrlich gegen uns selbst. Ist das, was man uns unter dieser Schutzmarke bietet, wirklich Wissenschaft des Judenthums? Wenn das Judenthum wirklich keine andere Wissenschaft gezeitigt batte als die. welche man heute so nennt, so dürften wir nicht allzustolz auf die geistigen Zähigkeiten unseres Stammes sein. Eine solche Wissenschaft haben andere Völker auch. Geschichte und Literaturgeschichte sind keine spezielle jüdische Wissenschaft, auch wenn das Objekt ihrer Forschungen die jüdische Vergangenheit, bezw. die jüdische Litteratur ist. Diese Wissenschaften verhalten sich zur jüdischen Wissenschaft wie Form zum Inhalt, wie die Verzierungen an einem Bau zum Bau selbst. Nun ist es ja ganz löblich, wenn man auch der Form und den Verzierungen seine Aufmerksamkeit zuwendet, aber sie dürfen doch nrcht den Inhalt überwuchern, man darf doch über die Schale den Kern nicht vergessen. znsiv nun n norr nun *.:b sru Gott hat uns die Lehre der Wahrheit gegeben, das ist nach einem Worte unserer Weisen die schriftliche Lehre; in dieser Lehre ist der letzte Sinn alles Seins und Geschehens beschlossen, sie ist die Wahrheit, aber damit wir durch den Besitz der letzten und endgültigen Wahrheiten in 'unserem Forschen nicht stillehalten, damit wir gerade durch sie zu einem Leben ewigen Forschens, zu einem Leben ewiger geistiger Arbeit angehalten werden, hat er uns die Erkenntniß dieser Wahrheiten nicht allzuleicht gemacht. Die schriftliche Lehre bedarf einer Ergänzung oder richtiger einer Erklärung, die uns durch etsp rroi geworden. Diese mündliche Lehre ist nun lebenerfüllend. sie sorgt dafür, daß wir ein ganzes Leben hinduch — und mag es noch so lange währen, — Beschäftigung für Geist und Gemüth haben sollen d'jcp nun n U31T2 ra ctzv. Schriftliche und mündliche Lehre, beide am Sinai offenbart, sind jüdische Wissenschaft und daran ändert auch die Thatsache nichts, daß die Wortführer des heutigen Judenthums sie nicht als die Wissenschaft des Iudenthums gelten lassen. Und ivem es wirklich ernst darum zu thun ist, mitzuarbeiten an der Erhaltung des Zudenthums, der muß in erster und letzter Linie darauf bedacht sein, daß die Thora wieder in ihre alten Rechte eingesetzt werde, sie muß wieder Ausgangspunkt und Endziel aller jüdischen Bestrebungen werden. Es nützt uns nicht viel, wenn man noch so viele jüdische Institutionen ins Leben ruft, wenn man nicht dafür sorgt, daß die Kenntniß der Thora allgemein werde. Man baut dann Häuser ohne Fenster, in die kein Licht dringen kann, denn Licht verleiht all diesen Häusern nur die Thora, die Urquell alles Lichts und aller Erleuchtung ist. Mögen sich Alle, die sich noch. ein Herz für ihr Volk bewahrt haben, deren Seele verknüpft mit den Schicksalen ihres Volkes ist, den alten talmudischen Spruch vergegenwärtigen, daß rp'vn c*csm so rrv pana das Leben ihres Volkes und dessen Zukunft an dem Leben und' der Zukunft des Buches der Brüher gebunden ist. * * * Wir haben nun in großen Zügen die drei Hauptgrundsätze des Judenthums nap ,oe>n nirtm ctn so nun: betrachtet und gesunden, daß diese Wahrheiten Erbwahrheiten des jüdischen Stammes sind. Uns sind diese Wahrheiten offenbart worden und alle Anstrengungen nrenschlichen Geistes haben diese Säulen des Judentums nicht zu erschüttern vermocht. Sie sind Leitsterne des jüdischen Volkes gewesen und sie sind es heute noch, und sie werden uns zu den Höhen führen, denen wir zu streben, auf jene Höhen, an denen die Gesammtmenschheit einst sich mit uns vereinigen wird zu einem Leben des Friedens und der Wahrheit. Die Programmrede eines antisemitischen Reichslagsabgeordneten» B e r^lli n, 1. Dez. Wer es bisher noch nicht gewußt hat, was die Antisemiten eigentlich wollen, der tonnte es endlich aus einer Rede genau entnehmen, die einer ihrer Ncichstagsabgeordneten in einer vom «Deutschen Mittelstandsbunde" einberufenen Versammlung kürzlich gehalten hat. Aus dieser Programmrede interessirt uns natürlich nur das. was über die Stellung zum Judenthum gesagt wird. Da heißt es: „In letzter Zeit habe es den Anschein erweckt, als sollten wir Antisemiten von unseren Bahnen abgedrängt werden, als hatte sich in den Kreisen unserer Gesinnung eine gewisse Unllarheit über die Bestrebungen und Ziele unserer Bewegung und namentlich über die Mittel zur Lösung der Judenfrage festgesetzt. Demgegenüber müsse er erklären, daß die Reform- Partei und mit ihr der D. sowie wohl die aller-