Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 95 (1.12.1904)
- Date
- 1904-12-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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2045 „Glaubst Du/ fragte sie. indem sie die Hand auf seine Schulter legte und ihm in's umflorte Auge blickte, „glaubst Du, daß Du soviel Thora gelernt hast, als Schneider Pinkerle?" „Wie kommst Du gerade auf Schneider Pinkerle?" „Erp gib mir Antwort auf meine Frage, dann antworte ich auf Deine." „Nun, ich habe Schneider Pinkerle noch nicht geprüft auf seine Kenntnitz der Thora, aber soviel wie er. glaube ich wohl auch von der Thora zu wissen, vielleicht noch etwa? mehr." „Gut, siehst Du. da kommt er eben die Straße herauf. Sieh' einmal, wie er den Hut auf dem linken Ohre sitzen hat. wie er angeheitert mit so schwankendem Schritt auf unser Haus zustürmt, daß jede Bewegung den Simchas-Thora bekundet, der ihm über die weiße Weste und goldene Vorstecknadel in den Kops gestiegen ist. Warum freut sich Pinkerle am Simchas- Thora, obwohl er nicht so viel gelernt hat, wie mein gelernter Mann?" „E.Kaschje (eine Frage) auf Schneider Pinkerle! Wie kann ick wissen, warum sich Schneider Pinkerle freut?" „Aber man kann es erfahren. Man braucht ihn nur zu fragen. Rufe ibn doch einmal herein zu uns, von mir paßt es sich nicht." Bei diesen Worten öffnete Sara geräuschvoll das Fenster, und Pinkerle, der jetzt gerade das Haus erreicht hatte, trat aus einen Wink des Hausherrn in freudiger Eile ein. Der Schneider hatte einen prachtvollen blauen Frack an. mit großen Talmilnöpfen. besetzt. die wie echtes Gold funkelten und nur von dem Glanze der Kupfernase überstrahlt wurden, die jetzt Pinkerle mit einer großen, glaslosen Rathsbrille beseht hatte, durch welche seine hellen, klugen Aeuglein in's Zimmer blickten. Er war von so ansteckender Heiterkeit, daß sie guch Abraham Metz ergriff und er zu dem Eingetretenen sagte: „Pinkerle, wie kann man heute nur so ernst sein, Ihr eßt nichts, Ihr trinkt nichts. Ihr schnupft nichts, hobt Ihr denn keine Simchas-Thora?" „Reb Awraham! Der Iid fangt mit dem Goi an. Simchas-Thora Hab' ich; aber daß ich nichts ess' und nichts trink, das ist Loschaun Hora (Bösrede) und Rachilus (Zwischenträgern). Zum Beweis. Ihr braucht nur etwas zu Essen und zu Trinken auf den Tisch zu bringen und Ihr werdet sehen, daß Ihr chausched Bikscherim wart" (unschuldig verdächtigt). Als nun mit einem Stück Butterkuchen und einem guten Liqueur die Basis für eine einzuleitende Diskussion aestmden war, stellte der Wirth plötzlich an seinen Gast die Frage: „Ich weiß wirklich nicht, warum man sich eigentlich an Simchas Thora lustig macht, wißt Jhr's?" Pinkerle sah durch seine Rathsbrille den Fragesteller groß an. als ob er ihm im Geiste den Puls fühlen wolle und sagte dann: ■ „Man ist doch heute mit der Thora fertig geworden und hat sie wieder neu angefaygenl" „So? seid Ihr wirllich mit der Thora zu Ende?. Dann habt Ihr Recht. Aber mir fehlt noch viel!" „Das hat mit dem Simchas-Thora gar nichts zu thun," meinte Pinkerle. „Wenn mein Bruder Chafne (Hochzeit) macht, werde ich eingcladen, auch wenn ich mich nicht.an diesem Tag verheirathe. Es gibt Boruch Hasckem viele große Männer, welche die Thora heute wirklich nickt nur der Form nach mesajem find (zu Ende führen): mit diesen freuen wir uns und ihnen soll noch ein Gläschen von dem guten Branntwein gelten; dann gehe ich wieder." „Auch eine Ansickt!" sagte Metz zu feiner Frau, als Schneider Pinkerle wieder weiter getrollt war.. „Und zwar eine sehr gesunde, durch die man sick mit den Fröhlichen ehrlich freuen kann, wie es Pinkerle thut und wie Du es nicht thun wolltest; aber jetzt ist wieder alles im Geleise. Hat man in . Herford nicht auch Simchas Thora gehalten, wie bei uns?" „Gewiß," entgegnete der Gefragte, „es war nur eine Grille von mir. die wir auch ohne Pinkerle verjagt hätten. Aber jetzt ist's gut. Wenn die Kinder geschlafen haben, so gehen wir mit ihnen zu drn Großeltern und bis dahin kannst Du mir wieder einmal das schöne Lied singen, vom Tode von Mosche Rabbenu, das ich seit vorigen Simchas-Thora nicht mehr von Dir gehört habe." Sie sang das Lied, welches in ergreifender Weise die Bitte zum Ausdruck bringt, noch länger zu leben und das heil. Land zu betreten, wie aber der Allbarm * herzige die Erfüllung dieses Wunsches versagt. Sie sang es mit dem ganzen Schmelz ihrer herrlichen Stimme, mit dem tiefem Gefühl und dem innigen Verständnis; des Gegenstandes, so daß ihr am Schluffe die Augen feucht wurden und auch dem Auge ihres Gatten eine Tbräne entquoll. „Wie schön Du singst," und Du singst so selten!" sagte der Gatte. „Ich habe es auch jetzt nicht gerne gethan, denn das Lied ergreift mich immer so tief, und versetzt mich in eine Stimmung, wie sie eben zum Simchas-Thora nicht paßt. Siehst Du. das wollte ich Dich schon so lange, ftagen, das verstehe ich nicht, warum unser Machsor am Simchas-Thora so viel vom Tode Moschehs handelt und damit doch einen bitteren Tropfen in die Iomtoffreude gerade des Simchas Thora-Tages träufelt?" „Das kann ich Dir ohne Pinkerle sagen, liebe Sara. Wenn man das Gesetz der Thora mit ankeren Gesehen, wenn man den Vermittler des Gottesgesetzes. Mofcheh, mit den Gesetzgebern der alten Welt, mit Solon, Lykurg und wie sie alle hießen, vergleichen