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Der Israelit · 1904-12-01 · Heft 95 (1.12.1904) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 95 (1.12.1904)
Date
1904-12-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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2042 schreitungen gegen die Juden nachzuweisen. Vor einigen Wochen sollten sie verübt sein als Racheakt sür die Mißhandlung eines frommen Katholiken (in Ostrowitz) oder zur Rettung einer getauften Jüdin (in Parczew). Nunmehr sind es die armen Reservisten, die den Juden den Branntwein zu thcuer bezahlen und obendrein für sie die Lücken im Heere ausfüllen müssen! Merkwürdig ist es, daß die Agentur solche Telegramme nur den ausländischen Zeitungen zum Besten gibt, nicht auch der russischen Presse, für die sie doch in erster Linie bestimmt ist. Warum wohl nicht? Sehr einfach: In Rußland selbst findet man mit solchen Lügen keinen Glauben. Denn Lügen sind es: Es ist unwahr, daß die Reservisten in Wuth gerathen wären, weil sie bei Juden für theueres Geld Branntwein erstanden hatten; seit der Einführung des Branntweinmonopols haben die russischen Juden überhaupt keinen Branntwein zu verkaufen, weder für tbeueres noch für billiges Geld! Und es ist ferner eine Verleumdung, wenn die offiziöse Agentur mit dreister Stirn die Behauptung aufstellt, die Christen batten für die fehlenden Juden die Lücken im Heere auszufüllen. In Rußland geschiebt die Aushebung, sowohl der Rekruten wie der Reservisten. nicht summarisch, sondern partiell,. Christen für sich, Juden für sich; für fehlende Juden werden andere Juden, für fehlende Christen andere Christen genommen. Was die Desertion betrifft, so desertiren auch Nichtjuden und namentlich „Kernrussen" in hellen Haufen. Für die paar Hundert desertirter Juden würde man sich nicht genöthigt gesehen haben, das Aushebungsreglement im ganzen Reiche zu ändern und zu verschärfen. In diesem Zusammenhänge dürfte es interessant sein, zu erfahren, daß noch vor der Aushebung der Reservisten die Zahl der aktiven jüdischen Soldaten in der mandschurischen Armee nicht weniger als 30,000 Mann betragen hat. Meistens stehen sie in den sibirischen Regimentern, in die sie seit zwei Jahrzehnten fast ausnahmslos eingereiht werden, aber auch in den aus Europa beförderten Kadres ist jeder fünfzehnte Mann ein Jude. Jetzt aber, nach der Aushebung in den von Juden stark bewohnten Bezirken Odessa, Kiew, Wilna, und Warschau, muß ihre Zahl mindestens 50,000 Mann betragen. Wäre die übrige Bevölkerung Rußlands ebenso stark auf dem Schlachtfelde vertreten, so mühte General Kuropatkin eine Million Mannschaften zu seiner Verfügung haben, was. wie man weiß, nicht der Fall ist. Weiter wird aus M o h i l e w geschrieben: Roch sind die Wunden nicht vernarbt, welche die vorjährigen antisemitischen Ausschreitungen der hiesigen jüdischen Bevölkerung geschlagen haben, und schon wieder zirkuliren hier Gerüchte über in Kürze bevorstehende neue, noch ernstere Jndenlrawalle. Da diese Gerüchte immer mehr, an Boden gewinnen, so hat die jüdische Gemeinde an den Minister des Innern, Fürsten Swiatopolk- Mirski eine Petition gerichtet, in welcher in beredten Worten dieser unhaltbare Zustand geschildert wird. Die Gemeinde verlangt Anerkennung der gemeinsten Menschenrechte. Schuh für Person und Eigenthum u. s. w. Mit großer Spannung sieht man hier den Maßregeln entgegen, welche der Fürst bei diesem Hilftruf der Juden ergreifen wird. Eine einzige strenge Anordnung von oben — davon sind hier Alle überzeugt — und die Agitatoren verschwinden, die rohe, zügellose Masse geht wieder ihren friedlichen Beschäftigungen nach... Streit zwischen dem Großfürsten Sergiu- und dem Millionär Morosow. Moskau. Im „Daily Telegraph" findet sich eine Schilderung über einen Streit, der zwischen dem Großfürsten Sergius, dem Militärgouverneur von Moskau, und dem Millionär Morosow stattgefunden und damit geendet, daß die Regierung zu Gunsten dieses reichen Fabrikanten eingriff. Der Großfürst habe Morosow und andere reiche Kaufleute zu sich kommen lassen und ihnen mitgetheilt, es sei nothwendig, daß sie reichlicher für die Armee- und Kriegsbedürfnisse beisteuerten. Morosow habe darauf geantwortet, daß sie in diesem Falle verlangen mußten, ihre eigenen Vertreter in dem Derwaltnngskomitee des Fonds zu haben, damit sie sicher seien, daß die Zeich^ nungen auch wirklich nur patriotischen Zwecken dienten. Der Großfürst Sergius habe darauf gefragt, wie er das verstehen, solle, und der Kaufmann habe ihm geantwortet, er habe seit Beginn des Krieges Kleidungsstücke im Werthe von einer Million Rubel für die Armee der Mandschurei zur Verfügung gestellt, habe aber dieselben Stoffe später in Moskau zum Verkaufe ausgelegt gesehen. Der Großfürst sei darüber so erzürnt gewesen, daß er von Morosow sofortige Abbitte verlangte, da er ihn widrigenfalls an die Grenze bringen lassen werde. Als Morosow sich geweigert habe. Abbitte zu leisten, sei ihm ein Reisepaß zugestellt worden. Er habe sich nun Zeit erbeten, um noch einige Anweisungen an seine Fabriken erlassen zu diirfen, und dann an seine sämmtlichen Werke den Befehl gegeben, sofort zu schließen. Dadurch seien 6500 Arbeiter mit einem Schlage beschäftigungslos geworden, und da die Versuche des Großfürsten, Morosow von seinem Beschluß abzubringen, vergeblich gewesen seien, so sei die Regierung eingeschritten und habe veranlaßt, daß der Ausweisungsbefehl zurückgezogen werde. Der Vorfall soll in Moskau große Aufregung hervorgerufen haben. An mer k. d. Red. Morosow ist. entgegen den Mittheilungen anderer Blätter, kein Jude.

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