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Der Israelit · 1903-06-04 · Heft 43-44 (4.6.1903) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 43-44 (4.6.1903)
Date
1903-06-04
Page
– (sequence 19)
Language
German
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den ich hier in mir trug. Auf's Neue vielleicht wird man diesen Faden weiter, spinnen, um ihn wieder unvollendet fortzulegen, wenn als Gast der Tod an die Thür klopft." Diesen so graustgen Tod malen unsere hebräischen Bücher als sanften, milden Uebergang in ein anderes Leben. Am süßesten ist der, welcher der göttliche Kuß genannt wird." (Talmud Verachot 6.) „Wie bedauere ich," meinte Tilda, „daß ich diese Bücher nicht kenne und ihre Sprache auch sonst gar nicht. Man lehrte mich Alles für die Welt, aber nichts für die Seele. Detzhalb ist's auch in ihr so leer und ich bin so trostlos!" „Noch aber ist es Zeit!" sprach Jakob. „O nein! Es ist zu spät! Mir fehlt jetzt jede Energie dazu!" Sie schwiegen. Sie standen auf die Galerie gestützt und wollten nicht zurückkehren in den Lärm, welchen Musa's Klavierspiel mit einer glänzenden Phantasie von Liszt überschaute. „Komm', Jakob," sagte Tilda, „laß uns die Wonnen dieses Abends bis auf die Neige schlürfen, die diese Menschen ein Vergnügen nennen, und die für uns die schwersten Martern sind. Ich rathe Dir, nähere Dich Musa. Ich bin nicht eifersüchtig. Sie ist auf schlechtem Wege. Vielleicht kannst Du sie noch bekehren und retten!" „Nein." erwiderte Jakob, „das vermag Niemand mehr auf der Welt! Es ist — was Du von Dir sagtest — zu spät! Hier ist dies „zu spät" so recht am Platze! Bei ihr sind Geist und Herz schon gereift, schon festgestaltet, und nichts mehr vermag sie zu ändern!" Plaudernd kehrten sie langsam in den Salon zurück. Tilda's Blick fiel dort zuerst auf ihren Gatten. Er lehnte sich über den Sessel der Virtuosin, die ihn luftig und kokett anlächelte. Tilda schmerzte dies durchaus nicht. Längst war er ihr ja schon gleichgültig. Sie freute sich bei dem Gedanken, daß er. sobald er irgendwo beschäftigt, sie selbst von seiner widerlichen, erheuchelten Zärtlichkeit befreite. Inzwischen zeigte Musa's Mutter sich höchst unbefriedigt. Sie ahnte, daß dieser Abend ihr durchaus nicht gelungen sei. Jakob war mehr als gleichgültig. Er war nicht einmal neugierig. Nichts zog ihn hin zu der Zauberin. Verwirrt drehte sich Frau Wtorkowska hin und her und seufzte. Die augenscheinliche Liebelei des verheirateten Herrn Heinrich war durchaus nicht nach ihrem Geschmacke. Von den vermögenden anderen jungen Herren näherte sich Keiner ihrer Tochter. Alle bewunderten sie, aber nur ganz von Weitem. Der Abend zog sich mit den gewohnten Abwechslungen, Gesang, Spiel, Thee, Souper, welches glänzend, aber weniger anständig war, ziemlich in die Länge. Die älteren Herren entfernten sich unter dem Vorwände von Geschäften zeitiger. Zum Souper blieben nur noch wenige. Und auch diese waren ermüdet und voller Langeweile. Auch Tilda klagte über Kopfschmerz, Hüllte sich in ihren Shawl und ging ohne ihren Gatten nach Hause. Jakob konnte sie nur bis zur Allee geleiten und kehrte dann zurück, wie man ihm befohlen: / Daß die Gesellschaft immer kleiner wurde, kam vielleicht der koketten Musa ganz gelegen, da sie jetzt Jakob um so leichter anlocken konnte. Sie setzte dies auch ganz geschickt in Szene, obgleich es ihr bisher ganz mißlungen war. Ohne zu ahnen, daß er das Ziel ihrer Bemühungen sei, saß Jakob sinnend über irgend einem Album. Man konnte ihm durchaus nichts, vorwerfen. Er benahm sich als Gast stets höflich und artig. Die Mutter aber ärgerte sich nicht wenig über ihn und beschloß, sich ihm selbst zu nähern. Sie setzte sich neben ihn. ' . Jakob stand auf und bot ihr seinen Platz an. „Setzen Sie sich doch ein wenig zu mir, verehrter Herr!" redete sie ihn an, indem sie seine Hand ergriff. „Sagen Sie mir doch. Sie sind nun zurückgekehrt! Nun, und warum? Welches sind Ihre Absichten und Pläne?" . „Meine?" fragte Jakob, ein wenig erstaunt LbÄ diese Fürsorglichkeit.' „Keine! Ich werde mich Umsehen, müßig gehen und zuletzt etwas lernen!" ' „Wir haben schon so diel'von Ihnen gehört und waren so neugierig, Sie kennen zu lernen!" " „Unendlich dankbar!" „Besonders meine Emma, die so verliebt ist hier konnte sie wohl nicht den rechten Ausdruck finden^ bis sie endlich fortfuhr — „in Menschen höherer Art! Ach, was ist doch diese meine Emma für ein aüserwähltes Wesen! Was für ein Köpfchen!' Welche Talente! Sie glauben nicht, verehrter Herr, w a s sie liest und wie sie liest! Welch' ein Gedächtniß! Welch' ein Scharfsinn! Nicht etwa, weil sie meine Tochter ist, sage ich dies, sondern weil sie wahrhaftig ein Wunder ist!" „Alle bestätigen dies einstimmig!" sagte Jakob höflich. „Aber ich bitte Sie, mein Herr," fuhr sie vertraulicher fort, „was ist dies für ein Loos für uns Mütter! Wenn das ein Mensch ahnte! Solch' ein Wesen! Wem aber wird sie zu Theil werden? Wird er sie zu schätzen wissen, sie verstehen? O, diese unsere Jugend!" „O! Für Fräulein Emma wird doch die Wahl nicht schwer sein!!" „O, Sie kennen unsere Jugend gewiß nicht!" Hier stockte das Gespräch etwas. Der Mutter war der Stoff plötzlich ausgegangen. Sie merkte wohl, daß sie zu hastig vorgegangen sei; sie wüßte weiter nichts zu reden. Auch Jakob hatte sich im Loben erschöpft,

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