Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 43-44 (4.6.1903)
- Date
- 1903-06-04
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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S64 „Und was sagen Sie von ihrem Spiele?" fragte sie, um sich aus der Verlegenheit zu retten. „Aber aufrichtig! Sie sind ja ein so vortrefflicher Kenner!" „Bezaubernd ist es. bezaubernd! Sie ist wahrhaftig eine Künstlerin!" j »Ich sage Ihnen, bester Herr! Lizsi erstaunte, , als sie ihm eine von ihm komponirte Ouvertüre vor-; spielte, so sehr, daß er sie beim Kopfe nahm. Er prüfte j sie, ließ sie dies und jenes spielen, und war ganz 1 enthusiasmirt. Jenseits der Grenze, in den Bädern in - Spaa, im Kursaale fehlte einmal nicht viel, daß es zu - Tumulten kam, so wurde sie mit Applaus überschüttet! Ich sage Ihnen, Herr Jakob,, es regnete förmlich Bouquets. Kränze, Rezensionen und Ovationen." „Das glaube ich nur zu sehr!" „Nun bitte ich Sie, bester Herr! So ein harter Erhard'scher Flügel hält bei ihr nicht zwei Jahre aus. — Solche Kraft besitzt sie, solch' eine hinreißende Begeisterung!" Gewiß noch länger hätte sie sich im Lobe der Tochter erschöpft, hätte diese, erschöpft vom .Spiele und der tsssterhaltung, sich nicht selber der Mutter oder vielmehr Jakob genähert. In ihren Augen glühte das Feuer, mehr des Zornes, als des Eifers. Je beharrlicher dieser Gast ihr auswich, desto fester nahm sie sich vor, ihn zu fesseln. Ihr Flüstern mit Heinrich war nicht vergeblich gewesen. Er gab ihr den Schlüssel zu Jakob's Charakter, welchen er, wie er sich ausdrückte, aus dessen religiöser Manie erklärte. Musa beschloß, die Bibel durchzulesen. Jetzt war sie noch nicht genug vorbereitet, aber sie hoffte, ihn mit einigen zweideutigen Allgemeinheiten bethören zu können. „Ich mag nicht von diesen geräuschvollen Vergnügungen wissen," sagte sie. „Sie martern mich unaussprechlich. Ein Buch, die Einsamkeit, stilles Träumen — das sind meine Lieblings-Elcmente! Und Sie, Herr Jakob?" fragte sie, als ob sie ihm die Pistole auf die Brust setze. ' „Ich? ich?" erwiderte Jakob, „ich möchte ganz dasselbe auch von mir sagen. Ich bin ein Mensch der Einsamkeit und der Arbeit!" „O, Ihr Herren, seid in Allem glücklicher, als wir!" sprach Musa. „Ihr könnt Euch stiller Arbeit widmen, ohne wie wir, Sklaven des Salons, der Konvention zu sein, und dieses Jungfrauenstandes, der uns zwingt, uns unaufhörlch selbst wie eine Waare anzupreisen!" Sie sagte dies kühn. Jakob blickte sie lächelnd an und sagte: ' „Da Sie einmal diesen delikaten Gegenstand berührt haben, sage ich Ihnen, daß Sie, meine Damen, im Jrrthume sind, wenn. Sie sich allzusehr mit diesen vermeintlichen Verpflichtungen absorgen. „ Nur zu oft wird bei zu vielen Vorbereitungen nichts aus dem Dialoge, wie Krosicki sagt." „Allerdings." entgegneie Musa kalt. „Jede Ehe kommt durch ein Wunder zu Stande." „Diese Ansicht rheile ich vollkommen!" „Leider!" unterbrach ihn die Mutter. „Wenn sie nur später ebenso durch ein Wunder erhalten blieben!" Alle lachten über die Naivetät dieser Bemerkung. „Waren Sie vielleicht im Oriente?" fragte Musa. „Jawohl, mein Fräulein! Und ich bringe von dort einen traurigen Eindruck mit. Das Land der Poesie ist heut die Stätte von allerlei Elend. Die Wiege der Civilisation ist heute ein Hohn auf dieselbe!" „Lebt aber dort noch etwas Biblisches?" fragte Musa geschickt. „Sehr viel!" erwiderte Jakob lebhafter. „Die Tracht, die Gebräuche, die Ueberlieferungen und die Landschaften sind die lebende Bibel. Die Rahels tränken die Schafe am Brunnen, und graubärtige Patriarchen sah ich unter den Zelten!" „Wie wunderbar schön muß es dort sein!" »Ja, Fräulein! Aber nur nicht für uns Kinder j der verweichlichenden, verzärtelnden Civilisation. Die- , ses poetische Leben vermögen wir nicht zu leben; es ist! zu roh, zu schwer, zu ernst, zu ursprünglich und zu sehr nlit Arbeit belastet. In Strömen aber ergießt sich unter ihm hervor jene Poesie und jenes Gefühl, welches uns fehlt, weil ihre Quelle versiegte!" „Aber die alten biblischen Traditionen?" „Diesen begegnet man bei jedem Schritte. Bei uns sind sie nur getrocknet in Büchern vorhanden. Dort leben sie und sind mit dem Leben verflochten. Mit welchem Eindrücke berührt man die Steine, aus denen König Salomon seine Wasserkünste Herstellen ließ, die Tempel. Ruinen, die durch die Schritte der Patriarchen geheiligten Stätten. Christen und Juden fühlen in gleicher Weise, daß hier ihre Wiege gestanden. In Europa sind wir ja Alle — nur Kolonisten!" Musa lauschte Jakob's Worten mit einer Hingabe, die sie so geschickt zu spielen verstand, indem sie ihm immer näher rückte. Die Mutter fand sofort das dringende Bedürfniß. aufzustehen. Sie enteilte lebhaft zu ihrer Abendgesellschaft und überließ das Paar fast sich selbst inmitten der noch übrigen Gäste, die sich in kleine Gruppen getheilt hatten. Die Höflichkeit erlaubte es Jakob nickt, sich zu entfernen. Musa magnetisirte ihn inzwischen mit Blicken, Haltung, Bewegungen der Arme und Händchen, mit denen sie die Armspangen spielend zurechtruckte oder die Ringe hin- und herschob, oder das breit mit Spitzen besetzte Taschentuch schwenkten. (Fortsetzung folgt.)