Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 43-44 (4.6.1903)
- Date
- 1903-06-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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dieser Atmosphäre, winkte Jakob herbei und sprach: , „Schleichen wir uns jetzt hinaus, um ein wenig die Aöendluft zu athmen. Man wird uns das hier nicht übel nehmen!" Und sie drängten sich durch die Gäste zur Veranda. Musa's funkelnde Augen aber folgten ihnen mit fast zornigem Ausdrucke und wandten sich'dann spöttisch lächelnd zu Heinrich. „Ich sehe," sprach dieser, ihre stumme Frage beantwortend, „Tilda ward es hier zu heiß. Sie ging mit Jakob, hinaus!" Hierbei schwenkte er gleichgültig die Hand, als ob er sage: «Laßt sie nur gehen!" „Sind Sie gar nicht eifersüchig, Herr Segel?" flüsterte Musa. „Bei Ihnen nur auf Sie, gnädiges Fräulein!" I Musa schaute ihn mit strengem Blicke an und! sagte:.- - ... -! „Sie haben aber doch kein Recht, dies zu fühlen, noch weniger es auszusprechen!" „Sie wissen, gnädiges Fräulein, was unrecht ist, zieht den Menschen am stärksten an!" „Sie sind die verkörperte Unmoraliiät, mein Herr!" ..:. . .„Leider! . Bei Ihnen, gnädiges Fräulein, käme ein Engel zu Fall, geschweige 'denn ein Mensch!" „Aber, wahrhaftig, mein Herr, Sie könnten mich erzürnen!" . - . - „Q nein! Gnädiges Fräulein! Dazu sind Sie zu. mitleidig!" . ... ... ...... . .... .Sie flüsterten.jetzt, immer..leiser, immer vertraulicher, lachten dabei und und wären in bestem Einvernehmen. .: .. . Tilda drückte beim Herausgehen auf der Schwelle Jakob'sHand. „Was ist Ihnen?" fragte Jakob theilnehmend. „O nichts! Ich bin — ich weiß nicht warum — so glücklich! . Ich fühle mich so wunderbar beruhigt! Ich habe nichts mehr zu wünschen. Mir ist, als entschwebe mir langsam das Leben. Ich habe ja Sie bei mir! Ich bin Ihres Herzens gewiß! Was fehlt mir noch weiter zum Glücke?" „Wenige Menschen dürften sich mit diesem unserm reinen Glücke genügen!" sagte Jakob langsam. „Werfe ich manchmal einen Blick auf die Menge und vergleiche in ihr die verschiedenen Persönlichkeiten, Talente und Einzelheiten, wissen Sie. gnädige Frau..." „Was soll das immer mit Ihrem „gnädige Frau!?".. „So. scheint mir," schloß Jakob, „als sei. der Mensch nicht als ein Wesen erschaffen, sondern als kämpften in ihm zwei feindliche Kräfte. Die Widersprüche sind oft die schreiendsten. Zum Beispiel, neben Dich — dies Weib!" „Bitte, sprich mir nichts Schlechtes von ihr! Vergeben wir Alles!" ... „Ja, vergeben wir!" sagte Jakob traurig. „Wer von uns ist rein und unschuldig in der Seele, außer Dir? Aber das Leben ist kurz und Jeder trinkt aus dem bitteren Kelche! Und Jeder hat seinen Pfeil in der Brust! O. ich verzeihe ihr und Allen, aber ich bedauere sie auch, da sie das Glück so in der Ferne suchen und sich so sonderbar darum härmen, während sie doch in der eigenen Seele es sich schaffen können! Deßhalb bin ich erstaunt und erschreckt über die Welt mit diesen Elementen, in denen das Böse so überwiegt!" „Nicht Alles läßt sich begreifen. Gar Vieles bleibt unverständlich für den Menschen," antwortete Tilda. „Aber wozu soll ich mit dem Geiste so in die Ferne schweifen und mich durchaus, wie ein Titan, in den verschlossenen Himmel eindrängen wollen? Glaube mir, das ganze menschliche Loos ist nur eine höhnische Probe, — fast möchte ich sagen ein Spielball — seiner Unbarmherzigkeit. Im Geiste trägt der Mensch nur Lichtfunken, aus denen er niemals eine große Flamme anfachen kann. Denn der Sturm der Leidenschaft und der Tollheit löscht sie ihm aus. In der Seele trägt er edle Instinkte, die sich in schmutzige Begierden verwandeln, sogar den Körper_.“ Sie schwieg und fragte nach einer Pause Jakob: „Welcher-Dichter sang doch: Im Kampfe hier mit Welt und Leben, Die Zukunft Niemand sicher stellt Uns, die als Blumen Gott gegeben. Als — Fetzen legt in's Grab die Welt!" „Ich weiß es nicht," antwortete Jakob. „Auch ich weiß es nicht;.ich hörte irgendwo diese Verse. Der Mensch verdirbt sich nach und nach, was er verbessern sollte. Das Zeitalter, welches er vervollkommnen sollte, verstümmelt, zerstückt und entzaubert er. Alles ist wunderbar im Leben! Alles räthselhaft! Wie ist es mit der Unsterblichkeit?" Sie lächelte schmerzlich. Jakob war traurig und in Gedanken. Vor ihnen breitete sich eine schöne Aussicht aus. i Die alten Bäume der Allee mit ihrem dunklen Grün, ' gewiegt vom leisen Hauch des Windes, die tiefe Stille l und Einsamkeit. Ueber ihnen der dunkle Nachthimmel, 1 und der droben wie sein Wächter wandelnde Mond, I und die Sternlein, still mit den Augen blinzelnd, als scheuchten sie den Schlaf von den Lidern. In der Ferne erstarb das Geräusch der Stadt. „Blickt man in die göttliche Schöpfung," begann Jakob wieder, „so empfindet man in der Seele Beruhigung um die Zukunft. Es ist etwas, was uns sagt, daß wir nicht vergehen! Selbst wenn die tausendjährige Dauer dieses Glaubens im Menschen ihn nicht bestätigte', fände ihn Jeder auf dem Grunde seiner Seele, wie man auf einein Thurme am Hellen Tage die Sterne strahlen sieht!" „Ja! Nur wird jenes Leben dort nicht wie dieses ' sein, mein Geist dort nicht die Fortsetzung desjenigen.