Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 43-44 (4.6.1903)
- Date
- 1903-06-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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IIS LEW MM'V Ackmhodoxe ^uderrthum-M ARO N^f» [91*. 25 4. Juni 1903.] mm zarDfl MN - Zeitgemälde von I. I. Kraszewslu in autorisirter Uebertragung 30) . . ,' „Gestatten Sie mir, zu bemerken," erwiderte Jakob, „diese Künstler und Künstlerinnen, wie sie unser Zeitalter aufzuweisen hat, mag ich nicht leiden, ebenso wie ich den Fanatiker verachte, dessen Kopf erglüht, der aber seinen Glauben nicht mit der Hand und durch die That bewährt. Der heutige Künstler ist ein Kunsistückmacher, aber kein Meister in der Kunst, ein kapriziöser Handwerker, der alle Schwierigkeiten ausgelernt und der sein ganzes Handwerk am Schnürchen hat. Für mich aber ist ein träumerischer Hirtenknabe, der auf dem Felde sich ein Sehnsuchtsliedchen flötet, ein weit grösserer Künstler. Man profanirt heutzutage, wie Alles, auch die Kunst. Sie ist verkäuflich geworden, zu einem Stückchen Vrod, nicht zum Altäre. Der heutige Künstler arbeitet für den Ruhm; denn der Ruhm gibt ihm Vrod; also schliesslich für Vrod und nicht für das Vedürfniss der eigenen Seele. Wer malt heute noch Fresken für einen Beutel Kupfergeld, wer gar umsonst zur Ehre Gottes und um sein Herz auszuschütten?! So spielen, so schreiben, so malen sie's. So spielt auch diese schöne Musa," sprach Jakob leiser. „Das ist seelenlose, einstudirte Künstelei ohne Gefühl! Darum spielt sie auch nur Liszt und Thalberg, aber nicht Chopin und Schumann, die nimmt sie nur von der wunderlichen Seite, ohne sie tiefer aufzufassen." Tilda versank in Nachdenken. Dann sprach sie: „Sie urtheilen zu streng! Auch in dieser Seele da ist ein göttlicher Strahl, auch auf dieser Stirne ein Flämmchen. aber sie leuchten Beide nur vor Sehnsucht, ohne ein Morgen, vielleicht auch ohne Vrod! Armes Wesen! Mir ist's so zuwider, ihr zuzusehen, wie.auch' ihrer Mutter, da ich ihre Lage kenne!" „Wieso?" fragte Jakob erstaunt. „Sie müssen doch reich sein!" „Leider sind sie arm!" antwortete Tilda. „Umso schlimmer ist dies, weil sie noch den Wohlstand heucheln müssen, den sie längst verloren haben!" „Ö, das ist schrecklich!" unterbrach sie Jakob. „Die Komödie des Ueberflusses in der Noth ist widerlich, denn die Armen und Betrogenen bezahlen sie mit ihren Thränen. Ist nicht hundermal schöner Armuth bei muthiger Arbeit!" „Ja, die falsche Scham!" „Falsch, das sagt Alles! Falsche Scham ist meist echte Unverschämtheit!" „In mir erwecken.sie nur Mitleid!" fuhr Tilda leiser fort. „Dieses blutige Drama, Thränen und Unruhe unter Sammet. Dieser Hunger, der auf der Schwelle lauert, bis man das prächtige Defert hinaustrug! Dieses Lde Morgen nach dem geräuschvollen Heute, welches nur so lange währt, bis der bitter bezahlte Luxus nach diesem Lächeln zu Thränen und zur Verzweiflung'wird. In diesen Seelen erwacht schon. . während des frohen Liedes der bleiche Schreck vor dem Morgen, der sie wie ein Fieberfrost durchschüttelt.. Mir schnürt es das Herz zusammen!" . Musa hörte auf, zu spielen. Ein Beifallssturni ■ . verbreitete sich überall. . Heinrich beeilte sich, Musa aus Begeisterung die Hand zu küssen. Tilda aber, der es zu eng. wurde in