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Der Israelit · 1903-06-04 · Heft 43-44 (4.6.1903) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 43-44 (4.6.1903)
Date
1903-06-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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949 Lchweirrfurt. Es dürste wohl neu sein, was hier zum ersten Male versucht wird: Geschlossenes Eintreten sämmtlicher jüdischen Reichstagswähler unseres Wahlkreises Schweinfnrt-Haßfurt-Ebern für einen Kandidaten. Im Wahlkreise sind vier Kandidaten ausgestellt: Zentrum, Bauernbund, 'Sozialdemokrat und Nationalliöeral. Der Wahlkreis war früher liberal vertreten; in der letzten Periode war er dem Zentrum zugefallen, hauptsächlich durch die Unterstützung der israelitischen Wähler, die nur so verhüten konnten, einen Bauernbündler in die Stichwahl zu bringen. Die antisemitische Haltung des Zentrums im bayerischen Landtage hat es aber den Israeliten unmöglich gemacht, wieder Zentrum zu wählen; einen Sozialdemokraten zu wählen verträgt sich nicht mit der jüdischen Auffassung der Pflichten gegen Fürst und Obrigkeit, der antisemitische Bauernbund, der einen Memminger als Führer hat, scheidet von selbst aus. Es hat sich daher in Cchweinfurt ein Komitee der angesehensten Glaubensgenossen gebildet, das eifrig dahin wirkt, es n'.öchten alle isr. Wähler des Wahlkreises geschlossen für den nationalliberalen Kandidaten, Oekonom Schäfer in Geldcrsheim, eintreten, der in seiner Programmrede warm für die Gleichberechtigung der Konfessionen eingetreten ist. Es ist sehr wohl möglich, daß die isr. Wähler, 600 an der Zahl, den Ausschlag geben werden, wenn sie geschlossen für ihren Kandidaten eintreten. Jedenfalls wäre solches, schon im Interesse der Selbstachtung und Selbsterhaltung, recht sehr zu wünschen. A. Worms. Der Jahresbericht des hiesigen isr. Unterstühungsvereins (42. Vereinsjahr) ist erschienen: Er gedenkt vor allem des im Laufe des Jahres verstorbenen Vorstandsmitgliedes. Herrn Jakob Strauß, der dem Vereine nach dem dereinstigen Ableben seiner Frau Mk. 5200 vermachte, deren Zinsen zur Pflege von armen Kranken verwendet werden sollen. Es wurden im Vereinsjahre 1839 Gaben verabreicht: 1030 an Arme vom Ausland; 208 an Arme vom Inland; an 187 verschämte Arme, 68 hiesige Arme. 346 Handwerker. Die Gaben bewegten sich von 0,50 bis 36 Mk. An Beiträgen von Mitgliedern gingen ein Mk. 1880,48: an Geschenken Mk. 1292. Der eiserne Stock hatte einen Zugang von Mk. 450 und beträgt jetzt Mk. 29,533.80. Oesterreich. Wien, .2. Juni. Aus Bukarest sind hier authentische Nachrichten eingetroffen, wonach in den von der jüdischen Bevölkerung bewohnten Straßen vergiftete Bonbons an Kinder vertheilt worden sind. Es sollen mehrere bereits gestorben sein. Der Lehrer an der deutschen evangelischen Schule zu Bukarest, Herr - Cionca, nahm Veranlassung, seine Schüler davor zu warnen, geschenkte Bonbons anzunehmen. Es handelt sich offenbar um ein Manöver, das darauf hinaus- ' läuft, die Juden zu beschuldigen, daß sie Christenkinder vergiftet hätten.; - _ - Rußland. Kiew, 29. Mai. Wie dem „Standard" von hier gemeldet wird, werden durch die vor einem halben Jahre verfügte Ausweisung derjenigen Juden, die kein Recht zum Wohnen in Kiew haben, ungefähr 37,000 Personen betroffen. Die meisten der Ausgewiesenen sind in Kiew geboren, aber da sie nicht, wie der im Oktober ergangene Befehl verlangt,, in den Listen der' Gilden eingetragen sind, so gelten sie als nicht wohnberechtigt. Die Polizei hatte bisher ihr Wohnrecht nicht beanstandet. Die Ausweisungsmaßregel verursacht den Juden viel Schaden und Leid. Eine versuchte . antisemitische Demonstration wurde von dem Militärgouvernenr energisch unterdrückt. Die Ausgewieseneü mußten sich zum größten Theil in diejenigen Städte der Bezirke begeben, in denen die Juden wohnen dürfen. Dadurch - wird natürlich die Noth in diesen Gebieten noch vergrößert. ...... Amerika. Newhorck. 29. Mai. Eine gewaltige Massenversammlung in Carnegie Hall ersuchte die Bundesregierung, durch geeignete Mittel bei der russischen Regierung darauf hinzuwirken, daß die Judenverfolgung . aufhöre und die Ueberlebenden von Kischinew für die Greuel entschädigt würden. Fast alle hervorragenden Männer Amerikas waren entweder persönlich anwesend oder schickten Briefe. Der frühere Präsident Cleveland sprach, ebenso Präsident Schürmann von der Cornell Universität. Die russische Regierung für direkt verantwortlich erklärte Carl Schurz in einein Briefe; er nannte Kischinew ein fluchwürdiges Verbrechen an der Menschheit. — Die amerikanischen Juden sind laut einer Washingtoner Meldung des „Daily Expreß" empört über die Kundgebung des russischen Botschafters Grafen Cassini, bei den Unruhen in Kischinew sei nicht der Russe dem Juden, sondern der Bauer dem Geldverleiher gegenübergetreten. An den Staatssekretär Han wurden zahlreiche Briefe gerichtet, in welchem die Negierung aufgefordert wird, dem Grafen Cassini seine Pässe .zuzustellen. Die Sammlung für den Hilfsfonds für die Geplünderten in Kischinew haben bis jetzt fast eine halbe Million Dollars ergeben; Staatssekretär Hay zeichnete 2Y0 Dollars. Der russische Botschafter Gras Cassini lehnt es ab, die für die Juden m Kischinew gesammelten Gelder nach Rußland zu übermitteln. Er erklärt, die russische Regierung werde einer Vertheilung der Gelder durch Privatpersonen kein Hinderniß in den Weg legen. .

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