Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 43-44 (4.6.1903)
- Date
- 1903-06-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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946 Herten, die begangen wurden; es ist, als wäre die Hölle losgelassen worden und alles Scheusälige, das nur ausgedacht werden kann, über die Opfer dieses „praktischen Antisemitismus" hereingebrochen. Der staatliche Arzt Dr. Doroschewski hat unter Nennung der Namen der grausam Betroffenen eine Anzahl von Fällen der Presse mitgetheilt. in denen die entsetzlichsten Verstümmelungen, die nur an Menschen verübt werden können, berichtet werden. Das Hinauswerfen kleiner Kinder aus den Fenstern und die Vergewaltigung kleiner Mädchen bildeten an diesen zwei Festtagen des Antisemitismus eine Lieblingsbeschäftigung der russischen Gesinnugsgenossen der Leute, die bei uns ein Loblied deutscher Weiblichkeit unter ihren Kriegsgesängen haben. Es ist nichts übertrieben in den Mittheilungen über das Blutbad, das die Antisemiten in Kischinew angerichtet haben. Zur Vertheidigung der bessarabischen Bundesbrüder weist das hiesige Geschäftsantisemitenblatt darauf hin, daß die russischen Bauern von den Juden als „Schnapsjnden". als „Wucherjuden" und als „Schnorrer" ausgeplündert und von Haus und Hof vertrieben werden... Wenn man den Juden andere Berufe verschließt, dann müssen sie eben mit Schnaps handeln. Wucherer gibt es ohne Unterschied der Religion und Abstammung, aber in Rußland sind die meisten Wucherer Nichtjuden. Und Schnorrer plündern Niemanden aus und vertreiben ihn von 'Haus und Hof; sondern Schnorrer sind arme Bettler. Wenn aber wirklich Juden geschäftlich den Nichtjuden unbequem werden, dann bleibt es doch jedenfalls ein schandbares Verbrechen, wenn man so gegen sie vorgeht, wie's die Antisemiten von Kischinew gethan haben. Das Geschäftsantisemitenblatt, dem vor den Wirkungen der Vorgänge von Kischinew bange wird, vettermichelt sich in der widerlichsten, ausdringlichsten Weise an die russische Regierung heran, um sie gegen die Vorwürfe in Schutz zu nehmen, die ihr wegen der mittelbaren Begünstigung der Räuber und Mörder zu Kischinew durch Po^ lizei und Militär mit Recht gemacht werden. Das wird nicht viel helfen; das Reich des sriedensschwärmerischen Väterchen mit der Schandwirthschaft in Finnland und dem antisemitischen Treiben in Bessarabien wird so eingeschatzt, wie sich's gehört. Die ..Staatsbürgerzeitung" hat die Dreistigkeit, zu schreiben, die antisemitische Partei mißbillige auf's schärfste Gewaltthäriqkeiten. Und dabei ist es der derzeitige- Führer der Antisemiten und Nährvater ihrer Geschäftspresse der Graf Pückler-Tschirne, der fort und fort zu Gewaltthätigkeiten gegen die Juden aufreizt und seinen Gesinnungsgenossen sogar die Feigheit empfiehlt, jüdische Mädchen auf der Straße nlederzuschlagen. Mit allem Ingrimm verfolgt diese Presse die Thatsache, daß Geldsammlungen für die Opfer des antisemitischen Kesseltreibens eingeleitet worden sind. und auch gutherzige Christen ihr Scherflein spenden. Einem bekannten christlichen und hochkonservanven Großmilchmann wird vorgeworfen, er spende nur. um jüdische Kunden zu bekommen — eine bezeichnende Probe der antisemitischen Aufsaffungsweise — und der Kriminalkommissar Wehn wird in einer dreißig Druckzeilen langen Betrachtung dafür angegriffen, daß er drei Mark beigesteuert hat. Voll Ekel, so schreibt die „Berl. Zeit.", der wir diese Betrachtung entnehmen, muß man sich von diesem Treiben abwenden und unwillkürlich jenes kräftigen Wortes sich erinnern, das den Antisemitismus als „die Schmach des Jahrhunderts" bezeichnete. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. , Berlin, 3. Juni. (Die Wahrheit über die Metzeleien in Kischinew.) In einem auch in der „Frankfurter Zeitung" erwähnten und kritisirten Artikel der „.Nationalzeitung": „Die Wahrheit über die Kischinewer Krawalle" war behauptet worden, daß die Massacres einen allgemein revolutionären Charakter gehabt haben und nicht speziell judenfeindlich gewesen seien. Von urtheilfähigen Personen, die sich an Ort und Stelle unterrichtet haben, werden uns nun weitere Thatsachen mitgetheilt, aus denen hervorgeht, daß die Behauptungen, auf die sich der Artikel stützt, durchaus falsch sind. Es wurde in dem Artikel hervorgehoben, daß auch im Palast des Gouverneurs die Fensterscheiben zertrümmert seien. Tatsächlich ist in der Kanzlei des Gouvernements, die sich über einem jüdischen Geschäfte befindet, eine Fensterscheibe zerschlagen worden. Weiter war in dem Artikel angeführt, das Haus des Adelsmarschalls Kruzsenski sei völlig demolirt und das Dach abgedeckt worden. Thatsächlich ist dieses Haus völlig unberührt geblieben. „Eine Kirche wurde ausgeraubt," heißt es. Das ist. eine Legende, die vor den Massacres im Dorfe verbreitet worden ist und viel zur Aufregung der Gemüther beigetragen hat. Sie ist vollständig erfunden und inzwischen offiziell dementirt worden, natürlich erst nach den Krawallen, im antisemitischen „Beffara-. betz" sowohl, wie in den „Gouvernementalen Nachrichten". „Viele Christen sind getödtet worden." wird in dem Artikel behauptet. Auch das ist eine von den Anstiftern der Krawalle während derselben und später von den arltisemitischen russischen Zeitungen verbreitete Erfindung. Thatsächlich sind 47 Juden erschlagen worden und ein christlicher Knabe ist durch einen Ba-. jonettstich oder, wie andere behaupten,.durch eine Kugesi getödtet worden.. Es wurde in dem Artikel behauptet, die russische Regierung verschleiere den revolutionären