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Der Israelit · 1903-03-26 · Heft 24 (26.3.1903) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 24 (26.3.1903)
Date
1903-03-26
Page
– (sequence 26)
Language
German
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.n 546 er bereits leichten Herzens und wohlgemuth dem Zuge nachlief, noch lange im Hause vor. Joel sprach fast kein Wort mehr an diesem Abend und hörte kaum noch auf die Worte seiner Frau. Das Lied, war alt und er kannte es bereits auswendig . . . „Kein Brod im Haus. Der Bäcker will nicht mehr borgen. — Wovon leben? — Die armen Kinder können doch nicht hungernd — Und dann bald Peßach — Mazzoth — die Kinder keine Kleider." u. s. w. »Ja, ja!" seufzte er nur immer dazwischen, da er sonst nichts dazu zu sagen wußte. „Aber mit bloßem Seufzen und Aechzen richtest Du nichts aus!" schloß ste vorwurfsvoll. „Nun, was soll ich sonst?" Das wußte sie natürlich auch nicht und brach, wie immer nach diesen Unterhaltungen, in Thränen aus. „Das Monopol!" brummte wieder Josl vor sich hin und betrachtete dabei resignirt seine Frau, als wollte er damit die Quelle ihrer Thränen bezeichnen. In dieser Nacht konnte Joel lange keinen Schlaf finden. Der Mond schien auch, als suche er Gesellschaft in seiner langen Nachtwache, so grell zum Fenster vor seinem Bette herein, und rief allerlei Gedanken und absonderliche Empfindungen bei ihm wach -. . . Als er gegen Morgen endlich 'in einen H'albschlummer verfiel, da war inzwischen ein merkwürdiger Entschluß, nach langem Hin- und Hersinnen und vielem Ueberlxgen, bei ihm gereift..... Wenn auch am Abend schon der Purim mit all seinen Freuden eingezcgen war, wenn er auch bei seinem ersten Erscheinen mit dem ihm eigenen Zauber all die Licht- und Hoffnungsschimmer in die winzigen Häuser und düsteren Herzen des Städtchens'gestreut hatte, so war es doch nur der Vorabend der großen Ereignisse des folgenden Tages. Erst als nach Beendigung des Morgengottesdienstes die Sonne vom östlichen Himmel her langsam der Gasse entgegenzog und ihre ersten Strahlen auf das muntere Leben und bunte Treiben derselben warf, alle die Schindel und Strohdächer der Häuser und Hütten erglänzen machte, und den Chaderim, Kramläden und geschlossenen Schenken heiter s.ulächelte, da stand er da, in seinem vollen Glanze, der Purim — wie der lustige Vorbote eines großen, nahenden Frühlings.... v Das Straßenbild nahm auch sofort ein eigenes Purimgesicht an. Purimspieler, kleine und große, maslirte und nicht verkleidete, zogen in ihren bunten Trachten einzeln und in Gruppen umher. Mitten in dieses farbenreiche Gewühl mischte sich die prosaischere Äettelgarde. Arme und Kranke, Fremde und Einheimische. darunter alle Insassen des Hekdesch sArmenhauses), erhielten heute ihr Benefiz. Chederkinder und Jeschiwoh-Bachurim sammelten paarweise Gelder für Vereine und für einzelne Bedürftige.... Alle Thüren waren ihnen heute geöffnet, aller Herzen geneigt. Die auch sonst Nicht gerade knauserige jüdische Zedokoh feierte heute ihren- Ehrentag und die' Hand eines Jeden, der nur über dem Stadium des Nehmen" stand, war heute zum „Geben" ausgeprrckt. Mote Feines, der gestern Abend die ganze begeisterte Straßenjugend auf seiner Seite hatte, ' ging heute im Kreise seiner drei Prinzen allein und fast unbeachtet einher, worüber er sich, obwohl er gestern, die schönsten Schimpfworte für die „Junggasses" Wie. als über eine ungerechte Zurücksetzung ärgerte. . In der Bodgasse (Badegasse) hatte sich nämlich aus den „Gaßmenschen" (Lastträgern der Misse) eine Purimspielergesellfchaft gebildet, die in glänzenden Kostümen und mit ganz modernem Pomp ausgestattet, sogar mit einer Baualaike (paukenartiges Musikinstruinent) versehen, die Vorstellung von „Mechiros Jüußef" in jedem Hause gaben. - ... Mote suchte dieser gefährlichen Konkurrenz möglichst aus dem Wege zu gehen, denn der.Anblick dieses pompösen Aufzuges und noch mehr der ihn begleitenden und nmdrängenden Menge von Klein und Groß, erfüllte ihn mit Zorn und Verachtung gegen eine undankbare Welt, mit ihrem ewigen Hang nach Neuem, mH ihrer Ungerechtigkeit und völligen Pietätlosigkeit gegen den alten, in ihrem Dienste ergrauten .König Achaschwerosch. — —.—' ... ■■■■ . - „Habt Ihr auch schon den stummen Purimspieler gesehen?" - „Den stummen? Nein! Was ist mit dem?" „Da geht in der Jattgasse einer rum," berichtet der Fragesteller. „Er spricht nicht und singt nicht, und es weiß kein Mensch, wer er ist. Man münt, es sei Jankel die Challale, es kann aber auch ein anderer sein." Einige Schaulustige aus dem jugendlichen Straßenpublikunr zog die kuriose Mittheilung an, sie begaben sich sofort nach der bezeichneten Straße hin. um sich den originellen Purimspieler anzusehen. Er kam gerade aus einem Hause, langsam auf die Straße tretend. Ein kleiner, untersetzter Mann. Eine aus hartem Papier geschnittene und schlecht bemalte. Larve verhüllte das scheinbar knochige Gesicht mehr als nöthig, durch zwei Spalten sah man ein paar branenlose, halbgeschlossene Augen, die wie forschend und' ängstlich suchend um sich her lugten. Anstatt des obligatorischen bunten Kleides, war er nur mit einem urngewandten Schafspelz, mit der Wolle nach außen, bekleidet; ein alter, eingedrückter Zylinderhut bedeckte« den Kopf und die Stirne bis zum oberen Ende der Larve. Er ging.langsam und gesenkten Hauptes, indem er mit dem mächtigen Stecken in. der Rechten sich jeden Schritt vorzeichnete und ihn oft schwer aufstieß, als ob er befürchten müßte, den Boden unter seinen wankenden Füßen zu verlieren, während er mit der Linken-an seinem falschen Barte herumzüpfte und an seiner Maske immerwährend zurechtschob. \. -. .. . „Wer ist es nur?" .

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