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Der Israelit · 1903-03-26 · Heft 24 (26.3.1903) · page 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 24 (26.3.1903)
Date
1903-03-26
Page
– (sequence 27)
Language
German
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r>47 Diese Frage beschäftigte jetzt Alle, und auch Erwachsene blieben stehen und schauten der sonderbaren Gestalt nach. Dem Purimspieler schien aber dieses Unstarren und der Zulauf der Kinder äußerst lästig zu fein. Immer mehr sammelten sich Neugierige um ihn. und als er jetzt cm einem Hause anlangte, sah er sich verzweifelt um. und trat in dasselbe, wie es schien, nur um dem Anhang auszuweichen. Die Menge aber postirte sich geduldig an der Thür und hing sich neugierig an die Fenster. - Er stand an der Thüre, den Kopf noch tiefer gesenkt und ließ den Blick noch unsicherer umherschweifen, sprach aber kein Wort. „Sagt mir, wer Ihr seid, dann geb ich Euch was," sagte die Hausfrau, die durch ihre ungewöhnliche Neugierde und Klatschsucht sich den Beinamen „Telegraph" erworben hatte, und schaute ihm forschend in's Geücht. Er nickte abwehrend — es konnte ungefähr heißen: „ich weiß es selber nicht, -aber ich bin es ganz sicher nicht." — und wandte sich zum Fortgehen. Die Hausfrau schob ihm noch rasch einige Kupfermünzen in die Hand, die er, ohne ffe anzusehen, zu sich steckte, und ohne zu danken, nur leise nickend, ging er zur Thüre hinaus. Als er auf der Straße der seiner harrenden Menge wieder gewahr wurde, seufzte er tief, wobei er jedocü ängstlich vermied, einen'Ton hören zu lasten, und tappte, mit dem Stocke unsicher vor sich tastend, langsam weiter.. - „Wer kann der nur in aller Welt sein?" ,-Jankiel. die Challale, sage ich!" „Nein, Mochke, der Töpfer!" „Und ich sage Mansche Uginski!" „Aber seht nur her, den Rücken!" „Aber die Wolle!" „Die Wolle ist falsch, D'ummkopf!". „Seht' da, den Gannef, der lebendige Fankiel, wie er steht und geht!" „Nein, Mochke; es ist sein Rücken!" ' „Aber der Stecken ist ganz gewiß von Mansche Uginski!" „65 ist Jazmach, der Blinde" — tauchte plötzlich eine ganz neue Bermuthüng auf. „Der.Blinde? Bist wohl verrückt!- Er hat ja offene Augen!" ' „Das ist alles Verstellung" — beharrte die neue Meinung. - - Die stumme Maske aber hörte mit sichtlichem Interesse dem dicht hinter ihr geführten Wortstreit der Parteien zu, und als sie sich jetzt plötzlich umdrehte, 'schien,es beinahe, als ob sich ein Anflug von einem zufriedenen Lächeln in den Augenlöchern abfpielte..... Obwohl der stumme Purimspieler sich in jedem Hause nicht länger als eine Minute aufhielt, so war er doch, da er nur langsam ging und unbeholfen sein Wer^ betrieb, bis zum Abend mit seinem Rundgange nicht - fertig, den aber ein Thei! seiner Begleitmannschaft mit der Ausdauer einer Forschungsreise unvermindert mit-, machte: * ■ . . Als er aber in der Dämmerstunde in das Haus von Joel dem Schenker eintrat, da kam er nicht wieder.' heraus. Man wartete und wartete — er kam nicht. Einige kletterten zum Fenster hinauf; er war nicht mehr, darin.- ’ 7. . v"...' Er hatte sich offenbar, da die große Schenkstube ' von Joel noch eine entgegengesetzte Thüre nach einer anderen Straße hatte, durch dieselbe begeben, um so der. Verfolgung zu entgehen, und durch die Seitengäßchen — vielleicht als ewiges Räthsel — im Dunkel zu verschwinden-. ... i Drei Jahre waren seitdem verflossen. Im Städtchen hatte sich während dieser kurzen Zeit manches geändert. Neue Häuser und neue Ruinen, neues Elend und junges Glück, neue Weltenbürger und frische Gräber konnte man bemerken, Wenige waren zugezogen und Viele ausg'ewandert.... ' ~ - Zu den Letztereren gehörte auch Joel, den man jetzt im Städtchen nicht mehr Schenker, sondern wegen seiner sonderbaren Passion für dieses Wort, Joel, das Monopol nannte. Joel war gleich im ersten Frühling der Monopolepoche, da er Schiffsbillete von Verwandten bekommen, mit seiner Familie nach Amerika ausgewandert, und hatte dort, wie man hörte, mit Hilfe derselben Verwandten, ein neues Leben begonnen, und dabei sein Glück gefunden. - ' - . ' Es war wieder Purim. Der greife Rabbiner, der als Gaon und Philanthrop zugleich verehrte und im Dienste der Thora und der Gemeinde ergraute Rabbi Mauschele, saß gerade an der reichbesetzten Tafel im Kreise seiner Jeschiwojünger, mit denen er heute noch jovialer als sonst ^scherzte, und anstatt des sonst üblichen „Pilpul" die geistreichsten Purimwitze zum Besten gab, während die ebenfalls nicht mehr junge „Rebbezin" mit glänzendem Gesichte und freigebiger Hand die fast ununterbrochen vorsprechenden und vorsingenden Armen und Masken empfing. Es waren noch so ziemlich dieselben Gestalten und Erscheinungen, wie ehedem. Der alte König Achalchwerosch mit seinen veralteten Weisen und Kostümen, die immer noch moderne Purimspielergesellschaft, der „Gaßmenschen" mit ihrem „Mechiras Jaußef", und dann die, die einzeln maskirt und nur halb verkleidet, in Schaaren umherzogen. -: > Die Erscheinung des stummen Purimspielers hatte sich aber in den letzten zwei Jahren und auch heute noch nicht wiederholt. Die . Rebbezin mußte gerade wieder

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