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Der Israelit · 1903-03-26 · Heft 24 (26.3.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 24 (26.3.1903)
Date
1903-03-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Mit diesen Worten schwenkte das junge Paar von Teitelbaum ad und. Keß denselben mit seinem Korbe weitcrziehen. - Kurz vor drei Uhr war die Table d'hote im Hotel de Russie zu Ende. Die junge Frau pflegte täglich nach Tisch ein halbes Stündchen zu ruhen und bedauerte, daß der ehrliche Finder ihrer Rcisekasse gerade auf diese Stunde bestellt war. Aber ihr Gatte versicherte ihr, daß er den Juden gerade deßhalb für diese Stunde bestellt habe, weil er um diese Zeit am wenigsten störe, da er doch nicht schlafe. Die junge. Frau hatte sich kaum zurückgezogen, als Abraham von Korff vom Fenster aus Teitelbaum herankommen sah. - Der einstige Lehrer war in seiner Sprache, „ Haltung und Bewegung ganz derselbe geblieben,'nNr hatten Bart und Kopfhaar, angesangen, grau zu werden, und in die Stirne hatten sich einige tiefe Furchen eingegraben, die darauf hinwiesen, daß es auch ihm an Sorgen und Kämpfen nicht fehlen mochte. Teitelbaum hatte schon seine Schäbboskleider an und sah dadurch viel jugendlicher aus. Verlegen betrat er, von einem Kellner eingeführt, das prunkvoll ausgestattete Zimmer. „Ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet," hob der Baron an, „denn das Portefeuille, das Sie mir heute Morgen Zurückgaben, enthielt meine ganze. Reisebaarschaft im Betrag von 5000 Gulden. Davon gehören Ihnen zehn Prozent für den gesetzmäßigen Finderlohn, dem ich mir erlaubt habe, noch hundert Gulden beizufugen, also Zusammen sechshundert Gulden." Mit diesen Worten überreichte ihm der Baron von Korff ein gefülltes Couvert, dessen Annahme aber Teitelbaum ablehnte. „Es ist uns Juden verboten, Finderlohn anzunehmen, weil das Zurückgeben eines verlorenen Gegenstandes religiöse Pflicht ist, für deren Erfüllung wir uns nicht bezahlen lassen." „Aber Sie sind ja nach Ihrem Religionsge.setz diese Rücksicht gewiß nur einem Religionsgenossen schuldig, den verlorenen Gegenstand eines Nichtjuden brauchen Sie doch religionsgesehlich gar nicht zurückzugeben?" Teitelbaum lächelte überlegen. „Der Herr Baron wollen verzeihen, wenn ich mir eine Gegenfrage erlaube. Hat das religiöse Vekenntniß, dem der Herr Baron angehorcn, eine solche Moral, welche die Redlichkeit nur den Religionsgenossen gegenüber vorschreibt, dem anderen gegenüber aber Hehlerei und Unterschlagung gestattet? Sollte dies der Fall sein, so mochte ich mir statt des Finderlohns, Belehrung darüber erbitten, wie man eine solche Moral in der Praxis anwende. Wenn ich auf der Straße. 6000 Gulden finde, so kann ich dem Gelde .doch nicht ansehen. ob Mn MenWmer ein «igiontzgcnosse ist oder nicht. Soll der Finder nun zweifelshalber das Geld abgeben oder'behalten? Und wenn sogar der Finder selbst sieht, wie das Geld aus der Tasche seines Eigesithümers. in den Korb des Finders fällt, kann er'wissen, oh der Cigenthümer ein Religionsgenosse ist oder nicht?" „Sie sind ein sehr scharfsinniger Mann," entgegnete verbindlich der Baron, „aber ich habe in der That gehört, daß bei den Juden eine solche religiöse Vorschrift sein soll, ist das nicht der Fall?" .. „Mein Herr!" entgegnete Teitelbaum. „lieber diesen Punkt kann nach allem bisherigen doch keine.Meinungsverschiedenheit bestehen. Ich bin ein armer Mann; mit 600 Gulden wäre mir und Miner - Familie mit einem Schlage geholfen, wäre es mir^erlauht, das Geld anzunehmen, ich würde dankbar die Hand küssen, die es mir bietet. Aber so ziehe ich meine Armuth einer Besserstellung vor, die mir auf diesem Wege werden soll. 7 Bedarf es noch eines anderen Beweises, als diese meine Handlungsweise?" 77,.^ „Nein, nein," entgegnete der Baron, „Sie sind ein würdiger Schüler des Rabbi Schimeon ben Schetach, welcher einem Heiden den Edelstein zurückgab, der sich am Halse eines von-diesem Heiden gekauften Esels fand. Als diese Uneigennützigkeit dem Heiden den Ausruf entlockte: „Gepriesen sei der Gott der Juden!" fühlte sich Rabbi Schimeon reichlich entschädigt für den Edelstein. So rufe auch ich Euch zu: Boruch Elohek de Jehudoi! Segen und Preis dem Gott der Juden, dessen Gesetz solche Charaktere schafft!" So hatte sich vielleicht Vileam nicht gewundert, als seine Eselin zu sprechen anfing, wie Teitekbäum den Baron anstaunte, als er diese Worte in der Ursprache des Textes hörte. Fast wäre ihm sein' Hut aus den. Händen gefallen. . - : Der Baron aber weidete sich an diesem Erstaunen seines einstigen Lehrers, der einige Augenblicke gar nichts erwidern konnte, bis er endlich die Frage hervorsiieß: ■ - - .. „Der Herr Baron hat auch den Talmud studirt, sind gar Jude?" , . . 7. ' . „Nein," erwiderte der Gefragte, „Jude bin ich nicht, aber ich hatte einen jüdischen Lehrer, der . diesen Ausspruch oft im Munde führte. Ich weiß nicht, einmal. wo sich dieser Ausspruch im Talmud findet,-aber ich bin sicher, daß Sie ganz genau die Stelle kennen, wo er zu suchen ist." - v - - r - „Die Stelle," entgegnete Teitelbaum, „befindet sich nicht im Babylonischen, sondern im Jerusälemischen Talmud, in Baba Mezia, Kapitel II, dort werdest noch ähnliche Vorkommnisse aus dem Leben unserer großen Lehrer erzählt. Auch im Midrasch. Rabba ziM Buch Mosis, wird diese Erzählung erwähnt; 'aber woher konnte der Herr Baron wissen, daß ich die stelle Misse?" VI„Ich Habe sie oft'.getzug'7voF Jhn'en^ gehyrt^Herr Teitelbaum," entgegnete der Baron. '„Kennen" Sie Ihren Schüler Abraham nicht mehr, aus der Zeit, in

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