Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 24 (26.3.1903)
- Date
- 1903-03-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Was ein Menschenleben an sich ist, das erfahren . wir Deut. 21, 9. Man findet dort einen Erschlagenen auf dem Feld, ohne die Mörder zu kennen. Da bringen die Aeltesten' der Stadt ein Sühnopfer, das sie in ein unfruchtbares Felsenthal Hinabstürzen, und sie müssen aussprechen, daß sie Nicht diese Unthat verübt, daß ihre Augen sie nicht gesehen. Dort darf nie eine Aussaat bestellt worden sein-, was der Ort schon verbietet. „Aber trotzdem schaffe das unschuldige Blut aus Deiner Mitte fort, um vor Gott das Rechte zu thun," wenn Du den Mörder findest. Das ist also keine Sühne, sondern eine sinnbildliche That. „Werden denn die Aeltesten," fragt die Mischna, „Thäter oder Mitwisser eines Mordes sein? Das hat den Sinn, daß sie ihn nicht ohne Begleitung, nicht ohne Wegzehrung haben ziehen lassen. Unfruchtbar ist jenes Thal — sein Leben hat auch keine Früchte mehr gebracht." „Das Leben ist dazu da, zu nützen und zu w i r k e n, wer es raubt, der beraubt die Gesammtheit," das ist der Sinn dieser Stelle. Schuldig ist nicht der Mörder, sondern die machtlose und säumige Obrigkeit — sie hat sich zu verantworten und hat es dann besser zu machen. Sotah 9, 1, Sifri z. St. v,: „Wer Menschenblut vergießt, dessen ' Blut soll wieder durch Menschen vergossen, werden, denn Gott hat den Menschen inseinem Ebenbälde geschaffen." Ja,' aber auch der M ö r d e r trägt das Ebenbild Gottes an sich. Solche Begründungen wiegen an veredelnder Kraft, die längsten und scharfsinnigsten Erörterungen, die feurigsten und salbungsvollsten Mahnungen auf. Diese Andeutungen hat die pharisäische lleberlieferung. im Gegensätze zu den Sadduzäern, stark benutzt. Was' die vier Todesarten der Verbrennung, Steinigung, Erdrosselung und Enthauptung anbelangt, so zeigt uns die Mischna Nichts von Scheiterhaufen, Leuten mit Steinen in ddr Hand, Henker mit Stricken und Galgen, sondern Alles gemildert, kaum mit jenen Bezeichnungen zu benennen. t'S. Sanh. 63,4 72,3.) „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, d. h. wähle ihmeine schnellwirkende Todesart aus!" so lautet ein tiefer Spruch des Talmuds. Und in der Thal — wenn ich noch in dem Verbrecher mein eigenes' Ebenbild sehe, um rvieviel mehr wird es mir in meinem unbescholtenen Nebenmenschen erscheinen! Und habe ich mich einmal in die .Lüge eines solchen Unglücklichen verseht und frage mich, wie würde es dir gefallen? dann werde ich die Strafen des Richters als eine schwere Nothwendigkcit fühlen, ich werde nicht in der" V e r schärfu ng derselben meinen Ruhm suchen, sondern in der M ildermn g» die dem ' Hauptzwecke des-. Gesetzes mie -zuwide^laufen wird. ^- 4 '*'• ** Versehen wir uns an der'Hand-der Mischna*) (Sanh. 4,3) in die Quaderhalle des Tempels, wo *) S. «Ueber den Zusammenhang der Mischna," i. Theil, 48 js. im Halbkreise das Synhedrium zu Geri^t .si^ vMUs. ihm im Halbkreise die Schüler, hie..hier. das'. Richte^ im Sinne der Gotteslehre sich anzueignenhaben." f Der Angeklagte wird überhaupt rnichf befragt, da Niemand die Pflicht hat, sich selbst zu belasten, Viel-r-'L' mehr für die Verteidigung zu sorgen - hak^Die!/^^ Zeugen werden ernst verwarnt, darauf hingewiesen, - daß in jedem.Menschen das."Gottessiegel-.sich.''-'ünderMr?s;:ü'r - zeige, jeder Mensch in semer Eigenart -eine Weltfürn:?/:'/^ sich sei, seine Rettung oder Vernichtung dem Schicksal einer Welt gleichkomme. Jeder darf sagen; . Meinet^ willen ist die Welt geschaffen! (Das. 4,5.) Bei/, der Zeugenvernehmung, in der die Einzelnen getrennt -besfragt werden,, hat der Richter sich auf die: winzigsten^ Dinge', einzulaffen, denn es gibt auch augenfällige)'!.!.-'^^ Kleinigkeiten, in denen ein JrrthNm 'oder Widerspruch unmöglich ist. In diesen Punkten, muß unbedrngt'M^r^ Uebereinstimmung herrschen, wenn ein. TodesutWil•> gefällt werden soll. / ' rv-"-:;. . Bei der.richterlichen Berathung müssen zuerst ii: 4r:’n Milderungsgründe vorgetrag'en werden.- ' Hier-haben./fff™ selbst Schüler das Wort und werden, wenn M etwas-' Günstiges finden, damit belohnt, daß sie für dies Tag auf der Richterbank Platz nehmen. Dagegen) haben sie. sich — die Jugend ist auch hier schnelle fertig mit dem Wort — belastender Aeußerungeü zu ' enthalten. Wenn - während der Berathuttg gar -.kein ) Richter mit Milderungsgründett auftrat,' so) ist die^ ' Verhandlung, ungültig, ebenso, wird derjenige^ Richter nicht beachtet, der. während der- VerathuNg!-'- --;*v seinen Sinn zur Bejahung, der Schuldfrage änderte, ryzmt nicht so, wer sich zur milderen Ansicht.- bekehrt der. Abstimmung dagegen herrscht bolle Frei'heit. Die Abstimmung.beginnt nicht vom 'Vorsitzenden aus, dern von der Seite, wo die Jüngeren sitzen, damit)-''' kein Jasagen stattfinde. Zur Verurtheilung '"gehört'' Stimmenmehrheit. Bis zur Vollstreckung sindbegründete Anträge auf Erneuerung, des Verfahrens möglich. Dasselbe muß mindestens zwei Tage dauern.:?-')""^ Vor der.Vollstreckung wird der Todesschuldige ' durch/ 'H) -"1 Mitte! betäubt,' welche (wie außer dem Talmud'auch- - - das .Evangelium bezeugt) von den Frauen Jerusalems--'- beschafft werden-. , ’ Nimmt man noch 'dazu,, daß' dse /Zeugen-)dM-' Verbrecher warnen müssen, - baß er-ttotzd'em)i-dektüt-den^ JH muß,' das Verbrechen ausüben.zu-wollen) daß Bedingung.ein. Todesurtheil:unmöglich ,5*'ru wir w der.Mischna-fast die/ Abschaffung:4>er^TodU- -"^8' - straff vor.uns."! Detr-gleichen' Vedinguntzew unteMgt rt.attus .aber astch--die Auwendunü. deruG^L-'ßstrafenr NA!r>mchltZ Nicht' der-Geist des Wahnsinns gefahren ist."'- EM' auch der Neuzeit angehörige Auffassung,"' welche ja vielen neuen Rechtsanschauungen zur Grundlage