Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 23 (23.3.1903)
- Date
- 1903-03-23
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Derderblich und vergebens sein kann, das unterliegt keinem Zweifel für uns, die wir dies kühler und überlegter ansehen. Aber wie lange schon wollten wir uns einkaufen in die Bürgerschaft dieses Landes. Jetzt ist die Zeit dazu gekommen. Wir müssen sie mit Blut und -Opfer erwerben. Anders läßt sie sich nicht erobern. So scheint es mir, und Viele unserer Glaubensgenossen theilen meine Ueberzeugung!" „Viele? sagen Sie? Wie Viele denn?"'entgegnete David eifrig. „Nu wie? Nu was? Nu wer denn? Was sagt man jenseits der Grenze? Und was denkt sich Kaiser Napoleon? Und wie rechnet Pakmerton? Nu, sagen Sie doch, was meinen die Rothschild?" „Ich weiß nur so viel," erwiderte Jakob kalt, „daß bei uns, Lei uns — sage ich — die Vernünftigeren und Ueberlegteren dieser Ansicht sind?" „Aber die Reicheren?" fragte Pavid. - „Sogar die Reichsten!" rief Jakob, unwillkürlich lächelnd. „Nu! Dann konnte man sich's doch noch überlegen," sagte der Vater. „Man müßte sich darüber berathen! Das ist eine wichtige Angelegenheit." „Die Sache aber, mit der ich zu Ihnen kam, ist abgemacht. Darüber brauchen Sie weder nach'zudenken, noch sich zu berarhen! Entschuldigen Sie nur, daß ich so spät kam und Ihre Ruhe störte!" Hierbn verneigte er sich und wollte sich entfernen, als der Alte ihn zurückhielt. „Aber bleiben Sie doch! Setzen Sie sich und trinken Sie mit uns noch ein Glas Wein! David! Bring' uns Bordeaux zu drei Rubel; der läßt sich trinken! Das ist ein Wein aus dem ff.! Den Mund brauchen Sie mit ihm nicht zu schonen! Wir. sitzen hier auf dem Dorfe und wissen von nichts. Aber warum gibt man uns nicht zu erkennen, woher der Mnd weht!? Können wir das hier allein errathen? Und befohlen wurde es auch nicht!" „Mich geht nichts mehr an!" erwiderte Jakob, der sich nur ungern aufhalten ließ. „Gehen Sie sich erkundigen und thun Sie, was Ihnen gefällt!". „Aha! Diese Polaken!" rief David, „gewiß gedenken Sie wieder irgend eine Dummheit zu begehen!" „Das weiß ich nicht!" sprach Jakob, der sich wiederum eiligst zu verabschieden suchte. „Mir scheint aber, daß man auch von anderer Seite diese Dummheit wünscht und sie beschleunigen möchte." Ah!" schrie David, sich an den Kopf fassend. „Welch' eine Klugheit! Welch' eine Politik! Und mit soch' einem Volke soll man es nicht halten? Sie müssen ja siegen!" . „Ich bestreite dies nicht," sagte Jakob erregt. „Aber auch wir Juden wurden schon manchmal besiegt, und doch hielten wir es nicht mit den Siegern, sondern mit unferm Gotte!" Hierbei verneigte sich Jakob und wollte , sich wieder empfehlen. Aber dem alten David war etwas wie Beschämung oder Bedauern angekommm. . „Um was handelt es sich denn eigentlich?" fragte er. — -■ -v' ' - - „Um etwas ganz Unbedeutendes. Ihr Städtchen müßte den jungen Mann eine Zeitlang auf irgend einem . Abbau verbergen." »Ja, ja, sehen Sie," unterbrach ihn der Jüngere, „gerade in einem so kleinen, verödeten Städtchen, wie das unserige, ist das am allerschwierigsten. Die Einwohner kennen sich alle. Jede neue Gestalt fällt auf und zieht die Augen auf sich." „Darin haben Sie recht!" meinte Jakob. „Aber ich bitte Sie ja auch darum nicht mehr! Verzeihen Sie nur! Verzeihen Sie!" Er zog sich zur Thür zurück. David murmelte noch etwas. Aber der Gast blieb standhaft und entfernte sich, ohne Aerger zu erkennen zu geben. Er ließ sich eben nicht mehr halten. ' Vater und Sohn blickten sich an, als die Thüre sich hinter ihm geschlossen hatte. . „Das war ein großes Geschäft!" sagte der Alte. „Aber es ist doch nicht gut, daß sich nichts machen ließ. Dieser Jakob hat große Verbindungen. Was wird er von uns sagen? Er wird uns verschreien, als wären wir weiß was für Leute!" Der Sohn schwenkte mit der Hand. - „Ach was! Es hatte sich schon machen lassen! Aber nun ist es vorbei!" Verstimmt gingen Beide auseinander. Jakob ging zurück in die Wirthschaft, ohne sich, etwas merken zu lassen, legte sich aber nicht schlafen, sondern versank in Nachdenken. Jwas war ermüdet und längst eingeschlafen. - Tags darauf, am Schabbostage, widmte sich Jakob den Gebeten, nachdem er den Freund beschworen, sich keinen Schritt aus dem Hause zu rühren. Sie mußten den Abend abwarten, bevor sich irgend neue Schritte vornehmen ließen. Nachdem in der Synagoge die Gebete beendet und das Fest aus war. ging Jakob direkt zum alten I a n k i e l, von dem er viel gehört hatte, den er aber persönlich nicht kannte. Der Alte las noch in seinem Buche, als der Gast erschien. Er ließ sich auch seinetwegen im letzten Gebet nicht stören, bis er es beendet. Jakob wartete achtungsvoll; dann reichten sie sich die Hände, und der Angekommene begann die Unterhaltung damit, daß er sich auf gemeinschaftliche Bekannte berief, die mit Jankiel in Beziehungen standen. Er sagte ihm, daß er schon viel von ihm gehört, und sich, da er ein Geschäft im Städtchen habe, vertrauensvoll an ihn wende. An den ersten Worten erkannte der Akte den jungen Gelehrten, legte ihm die Hand auf die Schulter und blickte ihn freundlich an. ,; , ■;