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Der Israelit · 1903-03-23 · Heft 23 (23.3.1903) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 23 (23.3.1903)
Date
1903-03-23
Page
– (sequence 20)
Language
German
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521) ,AH! Sie sind's!" rief er, „Sie, von dem auch ich schon so viel gehört, als von einem Manne voll großer Hoffnung für unser Volk, der trotz Bildung den Glauben nicht verlor, und unser Gesetz genau befolgt, die Alten achtet und unserer anderen Jugend nicht ähnlich ist! Segne Sie der Gott Israels und Jakobs. Denn heutzutage haben wir nicht viel solche Leute. Kluge gibt es. genug, aber an Frommen fehlt es. In Verachtung ist das Gesetz und der Brauch unseres Volkes. Sie mißachten die Gräber ihrer Väter, die Beides im Herzen bewahrten und Alles, was wir seit Jahrhunderten zu ehren gewohnt sind!" Jakob schwieg. Der'Alte war lebhaft und heiter, sichtlich erfreut, daß er einen Mann nach seinem Herzen traf. „Ohne mir zu schmeicheln," erwiderte der Gast, „ich bin das, wofür Ihr mich haltet, wozu nachsichtige Menschen mich machen. Ich bin bestrebt, , meinem Volke keine Schande zu machen." - Jankiel ließ Wein bringen und einen Imbiß, und wandte sich mit herzlicher Gastlichkeit an den Ankömmling. „Woher kennen Sie uns?" fragte er. „O, von weit her! Ich bereiste fast alle Länder, - in denen unser Volk zerstreut ist, und ich sah all die Noth, die es erträgt. Und hätte ich Thränen gehabt, ich hätte sie alle ausgeweint über seine Knechtschaft!" „Waren Sie auch im Lande der Väter?" „Auch da," seufzte Jakob. „Aber auch dort fand ich es nicht besser. Bei uns selber sogar sind wir wie Fremde!" „Wo ist unsere frühere Größe geblieben?" rief der Alte und schlug die Hände zusammen. „Wo ist Israels Macht und Ruhm?" Dann fügte er die Worte des Propheten hinzu: „Der Herr wurde wie ein Feind. Er warf Israel zu Boden und warf alle seine Mauern um, und zerstörte seine Schlösser, und vermehrte bei den Töchtern Judas die Erniedrigten. Und Er zerstörte wie einen Garten Sein Lager, und befleckte Sein. Heiligthum. Und Er brachte in Vergessenheit auf Zion das heilige Fest, und den Sabbat, und machte zum Gelächter und Ziel Seines Ingrimms Seine Könige und Priester!" Der Alte senkte nachdenklich das Haupt! Dir Thränen traten ihm aus den Augen. Aber flink trocknete er sie. „Mein lieber Gast!" sprach er, „Vergebung! Diese Erinnerung kam unwillkürlich. Immer derselbe Verfall und dasselbe Leid bis an's Ende. Wann wird sich Gott erbarmen?" Jakob antwortete ihm leise mit den Worten des Talmud (Pesachim 119 a): „Die Hände der himmlischen Barmherzigkeit, sind immer ausgestreckt unter dem Flügel der Seraphim, um aufzunehmen den reuigen Sünder!" Mit diesen Worten aus dem alten Buche hatte er den Alten so erfreut und überrascht, daß er aufsiand und ihn nochmals segnete. Jankiel war schon so gewöhnt an junge Leute, die mit dem Gesetze und den alten Büchern nichts zu thun hatte», . daß er entzückt über diesen Jüngling war, und glücklich, ihn zu sehen. „Reden Sie," rief er. „Kann ich Ihnen nicht etwas nützen? dann will ich's thun! "Denn mein Herz würde sich freuen. Ihnen beweisen zu können, wie hoch ich Sie schätze!" ' „So wie Ihr sagt, so ist es! Ich komme mit einer Bitte zu Euch. Aber nur schüchtern erhebe ich meine Stimme, denn mit demselben Verlangen ging ich gestern zu Eurem Vetter David, und wurde abgrwiesen!" Bei dem Namen David verfinsterte sich die Stirne des Alten, wurde aber bald wieder heiter. - „Reden Sie, reden Sie," sagte er. „Und achten Sie darauf weiter nicht!" . Jakob wiederholte die Geschichte von feinem Freunde, wagte aber schon nicht mehr, Hilfe zu fordern, sondern erbat sich nur den Rath des Alten, der, nachdem er ihn angehört, lange nachdachte. „Das sind schwierige Verhältnisse," sagte er nach einer Pause. „Aber ich stimme Ihnen darin'Lei, daß wir es mit diesem unglücklichen Volke halten müssen, und nicht mit seinen Bedrückern. Besser ist es für die Seele, unter den Unterdrückten zu sein, als unter den Unterdrückern. Kein Vöglein wird von den Stärkeren mehr verfolgt, als die Taube und die Lachtaube. Der Herr aber nimmt sie an als sein liebstes Opfer (Baba, kama 93 a), fügte er hinzu aus dem Talmud. „Arm ist dies Volk!" widerholte er, „sehr arm5 Und wir können nicht vergessen, daß wir seit einem halben Jahrtausend in einem Lande mit ihm geboren wurden, lebten und starben, und dasselbe erduldeten.". „Ah! Das sind schöne Worte," ries Jakob. „Wollte nur Gott, Alle dächten ihrer so, wie Ihr! ' Dann würde es anders auf Erden sein!" ' „Unglückliches Volk!" sprach der Alte. „Wir sahen, wie es in's Verderben ging! Und unsere Augen werden noch größere Greuel erblicken!" Und wie von prophetischem Geiste beseelt, fuhr er fort: „Sie wollen keine Fesseln tragen, aber so oft sie mit Gewalt sie zu sprengen versuchen, pressen sie fester sie zusammen. Denn Gott fordert Reue und Dem'uth von ihnen. Warum glaubten sie an irdische Macht und nicht an göttliche Barmherzigkeit? Warum konnten sie ihren Stolz nicht besiegen? Armes Volk! Dich zu retten steht nicht in unserer Macht, es fei denn, daß wir vereint mit Euch untergingen. Denn was Gott gesagt und bestimmt hat, das muß sich erfüllen!" . (Fortsetz, folgt.) ielimann in Mainz. — Erpcdirwn des ■.TiSruelit". Gdiottftrafcc Nr- St Mainz. 2rrnk und Vcrlaa der Jod. Wirr dicken Haibn.hdruckcrci ÄlclTcn-GcscUiLaN in Mainz. Äcrantmvrllicdc Ncdaction: Oscar L,

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