Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 23 (23.3.1903)
- Date
- 1903-03-23
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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uns selbst und unser Volk zu schützen! Unser Interesse verlangt es nicht, mit ihnen zu gehen!" „Wie so? Woher wissen Sie das?" fragte Jakob. „Glauben Sie mir, nirgends ist einem Volke so großes Unrecht geschehen, wie diesem. Es kann nicht Jahrhundertelang ungerächt bleiben.. Gott verhängte Strafe über dies Volk für seine Sünden. Aber das Maß dieser Strafe ist erreicht, die Schale seiner Thränen und seines Blutes ist bis an den Rand gefüllt. Einst kommt der Tag der Rechtfertigungen. Seien wir an diesem Schreckenstage des Gerichtes lieber mit denen, die das göttliche Erbarmen für sich haben werden, als mit jenen, die der Rache Gottes verfallen sind!" „O, o!" rief David. „Erlauben Sie mir die Frage: Woher wissen Sie tws? Sie Piophetengeift? Haben Sie die Sünden dieses Volkes gezählt?. Was mußten wir von ihnen erdulden? Und wie viel unauslöschliche Schuld lastet auf ihnen?" „Vergessen Sie nicht, Herr David," unterbrach ihn Jakob, „daß man die Sünden von Jahrhunderten, dieallen Völkern gemeinsam sind, ihnen allein nicht aufwälzen kann! Wie hier, so war es überall, in vielen Ländern sogar noch weit schlimmer!" „Aber wozu so lange davon reden!" rief der Jüngere, indem er sich vom Kanapee aufraffte. „Was soll das Reden, bester Herr. Wir können uns in ihre Politik nicht mischen. Das ist lediglich ihre eigene Sache! WuS kümmert uns das, wer von ihnen hier herrschen wird! Ich bitte Sie! Ich weiß allein nicht, was besser für uns wäre! Ich weiß aber, was ich an dem Russen habe. Er schimpft, er tritt und entehrt mich, er ist oft roh, wie ein Vieh, ein Bauer, aber — er nimmt Geld im Stillen und ich thue, was ich muß! Mt diesen polnischen Patrioten aber, wie steht es da?" Jakob war sichtlich betrübt. Seine Stirne umwölkte sich. Seine Gestalt wurde noch veredelt durch inneren, aber aufrichtigen Zorn und verletztes Ehrgefühl. „Wenn dies Eure unverbrüchliche Ueberzeugung ist," sprach er. „will ich nicht drängen! Nur betrübt es mich, daß Leute, wie Ihr, dir Ihr gebildeter sein wollt, wie Andere, zu einer so falschen Politik haltet, indem Ihr immer der Gewalt, aber nicht der Gerechtigkeit folget!" „Wie heißt, Gerechtigkeit?" erwiderte höhnisch der Alte. „Wo gab es diese jemals für uns? Und ließen die Herren dieses Landes sie uns etwa widerfahren?" „Nein! Das geb' ich zu!" unterbrach ihn Jakob aufgeregt. „Aber ist dies ein gerechter Anlaß, uns mit ihren Verbrechen zu besudeln? Ziemt es nicht dem auserwählten Volke, mehr Tugenden zu haben, als die Andern, und ihnen ein Vorbild zu sein?" David junior wandte sich ab und trällerte. „Nun! nun!" sagte er, nachdem er sein Ritornell beendet. „Ich bitte Sie, was ist von Tugend und Gerechtigkeit zu reden in diesen Zeiten? Wer spricht jetzt noch davon? Auf der heuigen Welt gibt es nur Eins, das Geschäft! - Welches Volk hört heut' noch auf etwas Anderes? Wo handelt sich's überhaupt noch um etwas Anderes? Das sinh große Worte! Aber an sie glaubt heutzutage Niemand mehr!" Als der Alte diese so kluge Rede des Sohnes vernahm, nickte er mit dem Kopfe vor Staunen und Bewunderung feines großen Verstandes, und zeigte mit der Hand auf ihn, als wolle er Jakob sagen: „Horst Du? Aha! Und was sagst Du dazu?" Jakob aber maß, durchaus nicht verwirrt, den jungen David vom Kopf bis zu den Füßen und sprach langsam: „Leider taxiren Sie höchst treffend das, was heutzutage herrscht und ist. Aber das, was ist, ist nicht imMer das. was sein soll. Unser Gesetz ist taufende von Jahren alt und doch nicht veraltet. Blickt nur hinein in diese Bücher, und Ihr werdet dort Wahrheiten finden, die nicht aufhörten. Wahrheiten zu sein, und solche zu bleiben bis an das Ende der Welt! Die Menschen werden immer verderbter, der Glaube in ihnen will erlöschen. Aber Gott sieht Alles und wird es noch ändern! Wir aber müssen treu fein dem alten Gesetze und nicht der neuen Zersetzung. Ich bedauere Euch aufrichtig, wenn Ihr nicht mehr, als dies, aus der europäischen Bildung davongetragen habt!" Nach diesen Worten erhob er sich. Der alte David, da er ihn so unbeirrt und selbstbewußt sah, den Sohn aber verdrießlich lächeln und außer Stande, etwas zu erwidern, wurde selbst verwirrt auf Jakob. Sein Abgott hatte ihn aufgewiegelt. Trotzdem hatte die Ruhe, mit welcher der Ankömmling gesprochen, der Zauber der Wahrheit und des Glaubens, der ihn umwehte, einen wunderbaren Eindruck auf ihn gemacht. Er fürchtete sich und schwankte, und. wußte selbst nicht, was er thun sollte, wie vor einigen Minuten mit jenem verlöschten SchabbosKchte. »Herr Jakob," begann zuerst der Jüngere, wieder ebenso selbstbewußt geworden, nach dem Pfeile, der ihn nicht getödtet, aber immer höflicher werdend, je besser er den Gegner erkannte. „Aber bitte, bitte, ärgern. Sie sich nicht! Jeder hat eben seine Ansicht. Versichern wir uns! Vielleicht läßt sich etwas machen, wenn man sicher und ohne Risiko sein kann. Das ist eine wichtige Sache, die man sich überlegen muß!" „Ich danke," erwiderte der Gast. „Ich danke sehr! Die Sache ist längst abgemacht. Es würde mir sehr zuwider sein, für diesen Aermsten um Schutz zu betteln, wenn Ihr ihn so ungern geben wollt. Ich glaubte, Ihr seiet anderer Meinung! Die Sache ist klar, daß das Land zu irgend einem neuen Kampfe sich vorbereitet, oder Mit Gewalt gedrängt wird. Daß dieser Kampf