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Der Israelit · 1903-03-19 · Heft 22 (19.3.1903) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 22 (19.3.1903)
Date
1903-03-19
Page
– (sequence 26)
Language
German
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reu Hause als Kömg Achaschwerosch mit seinem Hofstaate den jährlichen Tribut einzuziehen... Joel mußte unwillkürlich dem Hofzuge des königlichen Schusters einige Augenblicke nachschauen, und die im Mondlichte glänzenden Gewänder und schimmernde Krone betrachten. Was wußte nicht dieser Eintagskönig von seinem nahezu dreißigjährigen Regime alles zu erzählen? . . . Was ist nicht in feinem Herrschastsregister, das er nie geführt, an Historischem und Interessantem aus der Judengasse alles notirt? . . . Wir oft haben sich nicht in seiner Regierungsepoche die Zeiten und Verhältnisse geändert? Das Monopol des Glückes von dem Einen auf den Andern übergegangen? ... So mancher, der sich noch selber einst als Kind vor dem verkleideten Mote schüchtern unter das Bett versteckt, sucht heute seine Kinder zu beschwichtigen, wenn der gekrönte Schuster im Hause erscheint... So manches stattliche Haus, in dem es vor vielen Jahren einen guten Bissen und ein ansehnliches Purimgeld absetzte, steht heute geschlossen und öde da, baufällig oder als Schutthaufen daliegend, da sein einstiger Besitzer bereits seinen ewigen Besitz, dort am Hügel, der am Kopfe des Ortes die Stadt der Gräber bildet, attgetreten. Dann wieder manches Haus, das vor vielen Jahren nicht übersprungen werden durfte, dessen heutige Besitzer aber ihm, Moten, Konkurrenz bieten ... Andererseits aber manches emporgeschwungene Haus, das früher als armselige Hütte gar nicht beachtet wurde, dessen Besuch aber heute nicht versäumt werden darf, und in dem sich eine Gastvorstellung wohl rentirk Aber nicht etwa Mote Feines wurde jetzt von diesen Gedanken geleitet; er hatte eben weit besseres zu thun, als zu denken. Die Häuser von beiden Seiten der Straße fest in's Auge fassen, um sofort, zu konstatiren, welches besucht und an welchem vorbeigeschritten werden muß, dies erforderte Aufmerksamkeit. Dann nlußten die immer frecher und zudringlicher werdenden Straßenbuben fortgescheucht werden; ein Luftzug oder gar ein böswillig geworfener Schneeball könnte die Krone vom Kopfe jagen, weßhalb Vorsicht am Platze war. Endlich aber gab es jedes Jahr zu den alten Weisen noch so eine kleine Premiöre, und da hieß es, bei all' den äußerlichen Miseren, seine und der Prinzen fünf Sinne beisammen zu halten ... Joel aber, der im Gehen dem Zuge sinnend nachschaute, beschäftigte seinen Geist mit den königlichen Memoiren des Flickschusters ... „Und was für ein glücklicher Mensch dieser Mote ist" — mußte sich Joel wieder sagen — „der atme Flickschuster — er ist aber keineswegs arm. Durch etwas Arbeit und zeitweises Betteln bringt er die Mittel für die kleinen Bedürfnisse seiner Familie vollständig auf. Er ist an sein anspruchsloses Leben gewöhnt, und der Bettelsack ist ihm mit auf die Welt gegeben. Er hat keinerlei Rücksichten und kennt keine Scham. Er rst.zu-. frieden, und in seiner Axt sogar glücklich. Er. ist arm- und darf seine Armuth öffentlich zur Schau tragen, und' von deren Recht Gebrauch machen... Er hat das Monopol zum Betteln. Wir aber, unsereiner? Oder sollte, er wirklich die Hand, die bis jetzt nur gegeben^ zum - Nehmen ausstrecken? Wie sollte man, wenn man, wie er, erst in die Höhe gestiegen, um nachher desto wuchtiger, in die Tiefe zu stürzen, wie sollte man da auch nicht unrettbar zu Grunde gehen? Nein, nein, er kann die öffentliche Unterstützung nicht in Anspruch nehmen; schon der Gedanke daran jagt ihm alles Blut nach dem Kopfe und die Schamröthe in's Gesicht... — Nein, nein! Nur das nicht. Das Betteln ist und bleibt das Monopol des Mote Feines und seiner,^ Genossen... 8tber was nun denn? . . ." Joel war es seit einem Jahre gewöhnt, bei jeder Gelegenheit das Wort Monopol anzubringen, in jeder Begebenheit und namentlich in jedem Unglücksfall das Monopol zu suchen.. Und dieses Monopol hatte fefifce eigene Geschichte, eine traurige Geschichte, die wie eine Gottesgeißel erst vor. kurzem über ihn und über noch andere gekommen, um ihnen Leben, Glück und Alles zu nehmen... Das fremde Wort, das man in der Gaffe noch nie gehört oder gekannt, bekam auf einmal, eine traurige Popularität. Was ist Monopol? So recht definiren konnte Joel heute noch das Wort nicht; aber es war sein Schicksal. Ein unbestimmtes und unsagbares Ungeheuer, dazu angethan, ihn zu verderben, zu Grunde zu richten .... Noch am Purimabend vorigen Jahres — wie anders war es da? Wie ganz anders hatte es da bei ihm und um ihn auZgefehen?! Es war sticht so schon, wie heute Abend. Der . Mond schien nicht. Der Himmel war anüatt der' funkelnden Sterne, mit grauen Nebeln bedeckt. Die Erde lag voller Schnee und Eis. die Straßen waren kalt und finster. Dagegen drinnen!? Im Hause!? Da war Licht und Wonne, Arbeit und Verdienst, Leben _ und Glück... Rechts in der großen Schenksiube saß eine große Anzahl Bauern, die Branntwein oder Thee tranken; - einige ständen am reichhaltigen Büffet und wählten kür ihr gutes Geld von beit verlockenden Speisen und Leckerbissen. Drüben aber, im kleineren Herrenzimmer, da ’ saßen diejenigen, die sich der „besseren" Klaffe zuzahlten. Der Kanzleischreiber, einige Unteroffiziere u. f. w. unterhielten sich und spielten bei Wein und Bier. Er aber, Joel, überließ an diesem Abende die Wirthschaft den' ' Mädchen und zog sich in den Familienkreis, in's kleine Nebenstübchen zurück, ein kleiner, beschränkter Raum, der aber trotzdem so viel Licht und Freude enthielt.

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