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Der Israelit · 1903-03-19 · Heft 22 (19.3.1903) · page 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 22 (19.3.1903)
Date
1903-03-19
Page
– (sequence 27)
Language
German
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Und heute? — Ohne daß er es merkte, war er mit diesen Gedanken an sein Haus gelangt; mechanisch öffnete er die Thü« zur Schenkstube uttd trat ein. Der große Raum war ungeheizt und unbeleuchtet. Durch das Fenster warf der Mond einige spärliche Strahlen und ein düsteres Licht in den kalten, unheimlichen Raum. Der lange Wirthschaftstisch stand verwaist und verödet da, als ob er noch immer auf die Rückkehr der alten, guten Zeit geduldig wartete, wo. er den Mittelpunkt der ausgelassensten Freude und der hellsten Lebenslust bildete. Einige leere Bierfäßchen lagen in einer Ecke aufgeschichtet .... Eine finstere Oede weht aus allen Ecken. Rur aus dem Nebenzimmer drangen durch die Spalten der Verbindungsthüre einige Lichtschimmer aus einer winzigen Petroleumlampe und dumpfe Töne von schreienden Kindern.. „Das Monopol!" murmelte Joel wieder vor sich hin. — „Das Monopol, das ist alles.. .* Joel hatte ein gutgehendes Wirthshaus besessen. Nach vielen mißlungenen Versuchen gelang es ihm schließlich vor einigen Jahren, sich durch Uebernahme dieses Geschäftes eine leidliche Existenz zu gründen. Die Wirthschaft ließ sich erst in den letzten Jahren, seitdem ein Dragonerregiment nach dem Städtchen verlegt wurde, sehr gut an. Joel wähnte sich glücklich und dankte Gott dafür. Er hatte zwar auch in diesem Berufe jÄne Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten. Durchwachte Nächte, raufende Bauern, betrunkene Soldaten, Schlägereien und Prellereien, Skandal und Kravalle, die nicht immer harmloser und ungefährlicher Natur waren. Dann aber die ewigen Reibereien mit der Behörde und die Chikanen des trunk- und zanksüchtigen Uradnick (Oberpolizist). Aber trotz alledem! Das Geschäft ging gut; es warf etwas ab. Und für Arbeit und Plackerei ist doch der Mensch schließlich geboren . . Und es schien doch immer besser zu werden. Er sah sich schon nach Tilgung aller Schulden, die ihn bis jetzt belastet, auf dem besten Wege zum Wohlstände. Und die öffentliche Meinung im Städtchen kam ihm ihrerseits ein gut Stück Wegs zuvor.. Man fing nach' und nach an, ihm alle Pflichten und Rechte eines Gewir (vermögender, einflußreicher Mann) zuzuerkennen. Da kam das Unglück mit Riesenschritten, und es brach in sein Haus ein. Es kam das Monopol... „Weißt es schon, Joel?" sagte einmal der halbbetrunkene Uradnik, „Monopol! — Die Regierung nimmt den Verkauf von Spirituosen in die Hand. — Gut, daß Euch endlich einmal das Handwerk gelegt wird!" Joel verstand zwar nicht recht, lachte aber, wie immer, ob der geistreichen Worte des Ortsdespoten, und glaubte, sie in richtigem Sinne aufgefaßt zu haben, wenn er das Glas des Polizisten von neuem unentgeltlich füllte, und ihm außerdem einen kleinen, klingenden Beweis seiner Freundschaft in die Hand schob. Damit war es aber dieses Mal nicht abgethan. Bald sollte er mehr davon hören. Wie ein Ungewitter am Hallen Sommertage ist das unheimliche Fremdwort in's Städtchen eingezogen, und der Inhalt eines jeden Gespräches drehte sich um das Monopol. Wie eine schwere Wolke lag dieser schwere, ungeheuerliche Begriff in der Luft... Im Stadthause und auf dem Platze vor der Schul sprachen die Leute von demselben. Auf dem Markte und auf d'en Straßen unterhielt man sich über das „Monopol", und in der Klaus las Nochum, der Maskil, vor einer Gruppe neugieriger Melamdim aus dem „Hämeliz" die neuesten Nachrichten über das Monopol vor... . - Die Schankwirthe und Spirituosenh'ändler jedoch glaubten es nicht, und Joel insbesondere wollte nichts davon wissen. Da kam die hinlänglich bekannte, rigorose Aufforderung zum Schließen aller Wirtschaften, und in der That führte die Behörde einige Wochen nachher diesen Befehl strikte durch. Da mußten sie daran glauben. Manche W'irthe konnten sich mehr oder weniger helfen. Sie ergriffen andere Berufe; die einen wand'erten aus, oder zehrten noch an den letzten Ersparnissen, um nachher sich etwas anderem zuzuwenden, die anderen verfielen dem Bettelstäbe. Joel aber verfolgte das verhängnißvolle Wort noch weiter. „Monopol!" sagte er sich gleich nach Schluß seiner Wirthschaft. „Gut! Die Regierung kann monopolisiren, kann geben und nehmen. Aber hat denn Benzel, der Krämer, Jankel, der Mehlhändler u. f. w., haben auch sie Monopole zu fürchten? Ernähren sich doch so Viele in der Gasse, die nie im Leben das Innere einer Schankwirthschaft gesehen! Warum soll gerade ich jetzt, als ob es sich da um die Zerstörung des Tempels handelte, verzweifeln? Also Mehlhandel!" — Er fing das Mehlgeschäft Engros an und verlor schon bei den ersten Versuchen wegen der plötzlich durch den frühen Herbst eingetretenen Verkehrsstockungen und den dadurch bedingten Transportschwierigkeiten den größten Th'eil der früher zurückgelegten Nothgroschen. Am Getreide- und Holzhandel, die er gleich darauf betreiben wollte, verlor er noch fremdes Geld dazu. Er wollte es nun mit der Bäckerei versuchen. Es zeigte sich aber, daß sein nächster Konkurrent in der Gaffe, Schalem der Bäcker, zwar kein Monopol besaß, aber nichtsdestoweniger das beste Vrod backte, und seine Kunden, da er selbst ein gelernter und gewandter Bäcker war, billiger und besser bedienen konnte... Als Joel auch hiervon abstehen mußte, fand auch die Brodlosigleit im einfachsten und natürlichsten Sinne des Wortes den Weg in sein Haus.. Und jetzt? WaS nun beginnen? .... „Joel!" rief es plötzlich in seine Gedanken hinein. Die Thüre zum Nebenzimmer ging auf, und avk der

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