Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 22 (19.3.1903)
- Date
- 1903-03-19
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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»Hl MH*? S|-OM0 S E S^II A RON^ft 19. März 1903.1 Stz, sNr. 13. IggMhMigBiftl ^3^ UHU* Geschichte aus dem Ghetto von 8. 8chachnowih in Lndingen (Schweiz). Purim! . . . Seit Tagen und Wochen hatte man ihn herbeigesehnt. Er blieb lange aus. Der Winter wollte nicht weichen, der Frost nicht nachgeben, und das Eis nicht schmelzen. Die Zeit aber rückte trotzdem immer näher und die Sonne wurde immer mächtiger ... Endlich stand er da — der Purim . . „Warum hat er ihn auch dieses Jahr so erwartet? Was kann er ihm Heuer noch bringen? Was bedeutet noch für ihn Purim?" Der sich immer so fragen mußte, war Joel, der Schenker (Inhaber einer Schankwirthschaft), als er sich am Abend nach Beendigung der Megilloh zusammen mit den anderen auf der Straße befand. Der Himmel war klar und schön im nächtlichen Dunkelblau und von unzähligen, blinkenden Sternlein besäet. Der Mond ging majestätisch und in vollem Glanze in seiner nebelfreien Bahn einher. Die Luft war noch etwas kühl, aber. schon im Vorgefühl des nahenden Frühlings . . . Hier und da, auf gedeckten Hügeln und im Schatten der Häuser, wo der Schnee von der jungen Sonne noch nicht überwältigt war, glitzerte es im Scheine des blitzenden Mondes wie schimmerndes Edelweiß . .. Joel bewegte sich nur langsam vorwärts. Er hatte es, obgleich ihm das Fasten den Mägen geleert und däS Herz geschwächt, nicht besonders eilig. Noch nie war es so schön am Purimabend ... Schön! Was ein Wetter! Was ein Himmel! Das muntere Geplauder der Menge, das lustige Gepolter der sich tummelnden Kinder mit ihren Hämandrehern, dann aber wieder der Mond .... , „Hier" — dachte Joel — „hier ist Purim." Hier niöchte er am liebsten bleiben . . . Die Straßenluft einathmen, den Mond anstarren, der der anmaßenden Sonne, die glaubt, allein das Monopol für Licht und Glanz zu haben, so ruhig und würdevoll Trotz bietet.. Hier sich unter die heiter gestimmte Menge mischen und, wie in der Knabenzeit, mit den andern Kindern hinter den Purimspielern einherlaufen... Ja, hier auf der Gaffe ist PuriNi .... Aber daheim? — Daheim ist bei ihm dieses Jahr der Purim Nicht eingekehrt ... Ein Lärm und Auflauf dicht hinter ihm lenkt Joel von seinen Gedanken ab und zwingt ihn, sich umzusehen. Der erste Purimspieler, der Heute schon den Reigen beginnt. Mole Feines, seines Zeichens Flickschuster, hat heute, wie schon seit dreißig Jahren am Purim, sich in das rothe Jomtefkleid seiner Frau gehüllt, das symbolisch den königlichen Purpurmantel darstellen sollte, und den grauen Kopf mit derselben bunten Papierkrone, die vor Jahrzehnten schon das schwarze Haar des Jünglings geschmückt, bedeckt. Neuerungen in den Kostümen liebte nun einmal Mote nichts Nun zieht er in alter königlicher Pracht, begleitet von seinen ebenfalls 'in bunte Trachten gehüllten drei „wirklichen" Prinzen, und gefolgt von der ganzen enthusiastischen Straßenjugend, Majestätisch und im Vollgenuffe seiner Priorität umher, um in jedem beste-