Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 22 (19.3.1903)
- Date
- 1903-03-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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475 Haus des Verwalters verlassen hatten, erhielt ich anonyme Briefe, ich sollte Feiwel Schick entlassen, er bestehle mich, wie und wo er. könne. Kurze Zeit darauf brach ein großer Waldbrand aus, der mir einen Schaden von etwa 50,000 Gulden verursachte. Ein kleinerer Waldbrand folgte in der anderen Woche. Wenige Tage später theilte mir Feiwel mit, daß über Nacht sammtliches Vieh, Pferde, Kühe und Schaafe, zu Grunde gegangen sei; eine Untersuchung ergab, daß ste Gift bekommen hatten. Kurze Zeit darauf wurden sämmtliche Obstbäume angesägt gesunden, sie waren vollkommen unbrauchbar. Es gehörte wenig Scharfsinn dazu> diese Vorkommnisse mit Feiwel Schick in Verbindung zu bringen. Sie waren von seinen Feinden in Szene gesetzt, um den Mann in seiner Stellung unmöglich zu machen. Ich machte Feiwel von den anonymen Anklagen Anzeige und betonte ihm, daß ich ihnen keinerlei Glauben schenke. Er war so betroffen, wie ich selber von diesen Jntriguen, weil er gar keine Ahnung hatte, warum und wo er einen Feind haben könne, der ihn verdrängen wolle. In meiner Eigenschaft als oberster Gerichtsherr veranlaßte ich eine Untersuchung aller dieser Unthaten, und speziell darüber, ob eine feindselige Gesinnung gegen Feiwel Schick vorhanden war und worauf sie zurückzuführen sei. Dies alles führte zu keinem Resultat. Da gab mir Feiwel den Rath, den Pfarrer einmal in's Vertrauen zu ziehen, und das half. Dieser erklärte mir, daß er durch Heilighaltung des Beichtgeheimnisses sich zwar nicht zur Nennung irgend eines Namens verstehen dürfe, aber das könne er mir versichern, daß gegen den jüdischen Verwalter sich eine tiefgehende Gährung geltend mache, welche das Schlimmste befürchten lasse. Der Pfarrer bekannte sich selber als derjenige, der sich verpflichtet gefühlt habe, durch anonyme Zuschriften mich zu warnen. Die empfindlichen Verluste wären gewiß unterblieben, wenn ich dem Rathe, den Verwalter zu entlassen, sofort Folge geleistet hätte. Aber es sei noch jetzt das einzige Mittel, um weiteren Aeußerungen des allgemeinen Unwillens zuvorzukomryen. Was eigentlich gegen Feiwel vorlag, konnte ich aus dem Pfarrer nicht herausbringen. Aber Feiwel, dem ich von Allem Mittheilung machte, sah selber ein,-- daß auf diese Weise seines Bleibens nicht mehr war. Er sagte mir. wenn ich ihn nicht entlasse, so gehe er von selbst, er könne es nicht verantworten, daß ich durch ihn ruiniri werden solle. Bereitwillig trat er mir die 40,000 Rubel ab, die der Herr Baron von Korff ihm seiner Zeit für Sie angeiviesen hatte; sie repräsentiren etwa drei Viertel des Schadens, den ich durch Feiwel erlitten hatte; ich kan: auf diese Weise mit blauem Auge davon. Der Jude ist seitdem fort; ich habe nichts mehr von ihm gesehen noch gehört. Als ich wenige Tage nach seinem Weggange das Gut besuchte, erfuhr ich die Ursache der allgemeinen Unbeliebtheit Feiwels. Seine Entfernung hatte den Leuten die Zunge gelöst. Es hatte sich wörtlich bestätigt, daß sein Unglück genau mit Ihrem- Verlassen seiner Familie seinen Anfang nahm. Der Großknecht war der Einzige von dem ganzen Gesinde, der über Ihre. Auffindung unterrichtet war. Der elende, beschränkte Mensch glaubte wirklich, als Feiwel allein ohne Sie zurückkam, er hätte Sie geschlachtet, um Ihr Christenblut, ich weiß nicht zu welchem Spuk,, zu gebrauchen. Er hat die Unzufriedenheit bei .der' ganzen Umgebung angezeitelt, er hat meine Wälder an- -' gesteckt und meine Thiere vergiftet, und sitzt noch heute ° deßhalb hinter Schloß und Riegel; aber Feiwel Schick ist damit nicht geholfen. Selbst wenn ich den wahren Sachverhalt damals gewußt hätte, als Feiwel ging, hätte ich ihn nicht zurückhalten dürfen, ohne mich dem Unwillen der aufgestachelten Bevölkerung auszusetzen. Ich möchte den Mann selbst gern wieder einmal sprechen, aber ich wüßte nicht, wo man ihn suchen soll; und Sie werden Ihren begreiflichen Lieblingswunsch, Ihre ehemaligen Pflegeeltern auf der Hochzeitsreise aufzusuchen, wohl aufgeben müssen." Von diesen Mittheilungen machte Abraham von Korff dem Pater Firmian Mittheilung, als alle Gäste das Schloß wieder verlassen und beide nun in später Abendstunde zum ersten Male Zeit und Muße gefunden hatten, sich miteinander auszusprechen.' ■ -'‘ „Wir haben Vieles miteinander zu berathen und zu ordnen," erwiderte Pater Firmian, „und es macht Ihrem edlen Herzen alle Ehre, wenn Sie aus der Fülle , dessen, was Ihr Innerstes bewegt und der Erledigung harrt, der Gedanke an Ihre jüdischen Pflegeeltern das Erste ist, das Sie zur Aussprache drängt. Es ist —" „Bevor wir zur Sache selbst kommen," unterbrach ihn Abraham, „gestatte ich mir noch eine Bitte. Ich habe mich gern Ihrer weisen Mahnung gefügt, mich von Ihnen mit „Sie" anreden zu lassen, um nicht Jeden das Band in seiner ganzen Innigkeit vermuthen zu lassen, das mich mit Ihnen verbindet. Aber jetzt, wo wir allein sind, dürfte ich Sie da nicht bitten, mich wie früher mit „Du" anzureden?!" „Ich glaube nicht, daß wir daran gut thäten. Sagten Sie mir nicht, daß Sie im Talmud mit dem Traktat Beza begonnen haben? Vielleicht erinnern Sie sich noch des Ausspruches, daß alles, was die Weisen wegen Mißdeutung vor der Oeffentlichkeit verboten haben, daß dies auch in den geheimsten Gemächernuntersagt ist." - - „Gewiß erinnere ich mich dessen,"' entgegnete'^ Abraham und wiederholte den Satz in der Sprache des Talmud. „Es ist doch wunderbar," fuhr er.fort, „wie. diese Jugendeindrücke unvertilgbar festhaften. Mas habe ich seitdem an Sprachen, .an Erfahrungen, und' an allem Sonstigen gelernt, aber ich meine, so intensiv, so innig lernt man nirgends. Liegt^s an der'Methode" liegt's an der Melodie, mit der man das Lernen be-