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Der Israelit · 1903-03-19 · Heft 22 (19.3.1903) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 22 (19.3.1903)
Date
1903-03-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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472 von Ehrenfeld, nach der Gratulationscour beim Erbprinzen von Meiningen in Breslau, auf der Rückfahrt im Eisenbahnkoupee. das Opfer eines Schlaganfalls geworden. Ein sehr befähigter Offizier, gleich beliebt in den Kreisen des Adels und der Bürgerschaft, wurde der Verblichene von uns Dragonern fast abgöttisch ver- .ehrt. Nie hat er Hehl daraus gemacht, daß Wir, die khm unterstellten Soldaten, alle ohne Unterschied der Konfession, seinem Herzen gleich nahe standen, und daß der Edle für unsere Leistungen immer die gleiche, unparteiische Beurtheilung hatte. Uns jüdischen Soldaten sind von. dem Verewigten wiederholt Beweise höchster Toleranz zutheil geworden. Gesegnet sei das Andenken des Gerechten. Essen. Im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" fand dieser Tage nn großen Kasinosaale ein Vortrag des Herrn Rabiner Dr. D a vid aus Bochum über: „Die Ergebnisse der assyrisch-babylonischen Forschung m'it besonderer Berücksichtigung von Babel und Bibel" statt. Die Aktualität des Themas bewies die überaus zahlreiche Zuhörerschaft, waren doch auch viele Andersgläubige der freundlichen Einladung des Vorstandes gefolgt. Einleitend gab der Vortragende nicht nur in kurzen Strichen Kenntniß über den geschichtlichen Gang der Forschung, an der in den letzten Jahren auch Deutschland mit Erfolg sich betheili'gt hat, sondern er zeigte auch cm guten Lichtbildern, welche eigens für diesen Zweck nach den sowohl im britischen Museum in London, als auch den aufbewahrten Funden im Louvre zu Paris angefertigt waren, die bisherigen . Ergebnisse, die in selbst wissenschaftlichen Kreisen berechtigtes Aufsehen hervorgerufen haben und Licht über eine Zeitepoche verbreiten, über die wir bisher nur dunkle Vorstellungen hatten. Neben der Keilschrift, um deren Entzifferung Georg Friedrich Grotefend sich bedeutende Verdienste erworben hat, und die mehrere Jahrtausende bei allen Kulturvölkern Vorderasiens in Gebrauch war, und vorzüglich erhalten auf uns gekommen ist, gestatten uns die Funde, einen Einblick in die Bau- und Bildhauerkunst in den verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft damaliger Zeit. Daß bei dieser Gelegenheit die brennende Tagessrage, zu der sogar der Kaiser das Wort genommen hat, zur Sprache kam, lag auf der Hand. Professor Delitzsch's Verdiensten um die assyriologisch-babylonische Forschung rückhaltlose Anerkennung zollend, ging der Vortragende mit dessen Aufsehen erregenden Schlußfolgerungen , streng in's Gericht. Er wies u. a. nach, daß die Ausgrabungen für das philologische Verltändniß der Bibel von außerordentlichem Werthe seien, was man früher nur vermuthet. sei jetzt bestätigt, insbesondere aber die historischen Nachrichten derselben, und trat der Behauptung, daß in den babylonischen Urkunden das gefunden worden sei, was die weltgeschichtliche Bedeutung der Bibel , ausmacht, der Monotheismus, wodurch Israel der größten Ruhmesthat beraubt würde, sachlich mit maßvoller Kritik entgegen. Er zeigte, daß in Babylonien, wo alles von der Religion beherrscht wurde, selbst Kultur und Wissenschaft als religiöse Tradition erscheinen, wo Astronomie, Arzneikunde, Mathematik und darstellende Kunst mit Religion verbunden sind; diese Religion aber, naturalistisch wie überall sonst im Heidenthum, und himmelweit von dem entfernt sei, was wir mit Monotheismus bezeichnen. Nachgewiesen wurde, daß der heilige Sabbat der Israeliten mit dem babylonischen Sabbatu nicht zu identifiziren, ja ein historischer Zusammenhang zwischen beiden sehr unwahrscheinlich fei. Die sachlichen und lichtvollen Ausführungen fanden reichen Beifall der zahlreichen Zuhörerschaft. In der anschließenden Diskussion, an der sich die Herren Rabbiner Dr. Samuel, Landgerichtsrath Grünebaum und Pastor Buchholz betheiligten, entstand gerade dem Redner in letzterem ein wackerer und rühriger Bundesgenosse zur Bekämpfung der Delitzsch'schen Auslassungen. Es sei ihm eine Freude gewesen, dem Vortrage beiwohnen zu können, und er nehme gern die Gelegenheit wahr, demnächst seinen Dank durch den Vortrag eines rein-wissenschaftlichen Themas abstattrn zu dürfen, was allseitig freudig begrüßt wurde. ~ Straubing, 17. März. (Der Raubmord an .dem jüdischen Reisenden Ber - mann vor dem Schwurgericht.) Dieser Fall mit all seinen Begleitumständen erregte in weitesten Kreisen das größte Aufsehen. Es sei daher nochmals eine kurze Vorgeschichte des Ganzen gegeben. Anfangs November v. Js. unternahm der israelitische 23jährige Geschäftsreisende David Bermann von Gunsenhausen, der für seinen Vater, den Lederhändler Bernhard Bermann. dortselbst reiste, eine Geschäftstour, und wollte derselbe, wie er Mitte November nach Hause schrieb, etwa gegen den 22. November wieder zu den Seinen zurückkehren. Allein dieses sollte mcht mehr der Fall sein, denn seine Tour in den bayerischen Wald sollte ihm den Tod durch Mörderhand bringen. Am Abend des 17. November kam er nach Viechtach, wo er sich wie gewöhnlich im Gasthose zur „Neuen Poll" einlogierie. Am anderen Tage, 18-November, entfernte er sich nach eingenommenem Frühstücke, kehrte nochmals zurück und meinte bei seinem wetteren Fortgänge, daß er um die Mittagszeit wieder in's Gasthaus zuruckkomme, um da sein Mittagessen einzunehmen. Von da an sah und hörte man nichts mehr von ihm; er blieb verschollen. Obwohl er das Gepäck zurückgelassen, kümmerten sich die Wirthsleute nicht wegen seines Ausbleibens. weil man eben annahm, er sei vielleicht nach Kollenbürg oder in's Böhmische, um dort seine Geschäfte abzuwickeln. Bermann hatte sich nämlich vorher nach dem Wege erkundigt, der nach dem eine Stunde entfernten Kollenbürg führt. In Viechtach hatte er noch zwei Kunden, darunter auch den Sattlermeister Karl

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