Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 41 (22.5.1902)
- Date
- 1902-05-22
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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doch nicht ganz ausgeschlossen. Diese wünschenswerthe Vereinigung wäre freilich nur dann in der Weise möglich, daß die Neologen aufhören— Neologen zu sein, indem sie alle ihre neologen Institutionen aus ihrer Mitte bannen und den Schulchan-Aruch als Norm für das jüdische, religiöse Leben anerkennen und annehmen. Für die Neologie ist. ihrem oft wiederholten Gestandnisse nach, der Grund zur Trennung eine unbedeutende Kleinigkeit, umsomehr wäre sie verpflichtet, diesen angeblich kleinen Zankapfel mit Entschiedenheit von sich zu weisen, und jo lange sie dies nicht thut, trifft sie in seiner ganzen Wucht der doppelte Vorwurf: der der Gedankenlosigkeit und der Fried ens störung! Jene kühne Behauptung der Neologen, daß die Orthodoxie, als solche, der weltlichen Bildung feindlich gegenüberstehe und sie daher gezwungen seien, sich ihr gegenüber abwehrend und abweisend zu verhalten, wurde von den zeitgenössischen Neologen erfunden und in die Welt geschleudert, um hierdurch das orthodoxe Judenthum bei der urtheilslosen Masse zu discreditiren und die Orthodoxen bei unseren nichtjüdischen Brüdern als Culturfeinde ein „wenig" anzuschwärzen. W i r brauchen dieselbe jedoch garnicht zu widerlegen: die ganze Geschichte des jüdischen Volkes, die gewaltige Litteratur des orthodoxen Judenthums, straft jene Behauptung schonungslos — Lügen. Wie das alte, unverfälschte Judenthum echte Bildung hochschätzt, wie es hauptsächlich die berufenen Träger weltlicher Bildung achtet, dürfte schon aus dem Segensspruche erhellen, den. der Jude beim Anblicke eines weltlichen Gelehrten zu sprechen hat. Der orthodoxe Jude preist da Gott, der von Seiner Weisheit dem Menschen einen Strahl zukommen ließ tan ' waano jn:BO* Die weltliche Wissenschaft wird also eo ipso zur göttlichen gestempelt. Sind aber, hört man so oft sagen, die religiösen Gegensätze innerhalb des Judenthums wirklich so groß und wichtig, daß sogar von der Existenz zweier jüdischer Konfessionen gesprochen werden könnte? Hierüber giebt es. wir gestehen es offen, selbst in orthodoxen Kreisen Meinungsverschiedenheiten. Ja, wir halten uns nicht zurück, unumwunden zu erklären, daß sowohl diejenigen, welche diese Frage bejahend, als auch diejenigen,- welche sie verneinend beantworten, gleich Recht haben. Nur müssen wir abermals bemerken, daß die Neologie in engerer religiöser Beziehung nur negative Prinzipien aufzuweisen hat. Sie wird im Gegensätze zur Orthodoxie niemals sagen: dieses muß man aus religiösen Gründen unterlassen und jenes muß man thun, sondern dieses braucht man nicht zu thun und jenes könne man event. ja thun. Von einer göttlichen Verpflichtung und einem unbedingten Gehorsam ist auf dem ganzen Striche keine Rede. Wenn dem aber so ist, und leider ist es so. so kann eigentlich von einem neuen, neologen Judenthume kaum noch gesprochen werden, sondern von und nun, von Abfall und Apostasie. Indem aber die Helden der Reformer nicht aushören, durch Scheingründe und Trugschlüsse ihre offenkundige Apostasie als im Wesen des Judenthums begründet zu proklamiren» indem sie sich nicht erblöden, das Wenige, was von der jiidischen Religion ihren Beifall gefunden und von ihrer Zerstörungsfucht verschont geblieben, mit nichtjüdifchen und unjüdischen Elementen durchsetzt, als Judent hum in Umlauf zu bringen: so ist man wohl oder übel gezwungen, mit einem neuen, sog. neologen Judenthum zu rechnen, und innerhalb des ursprünglich einen Judenthums zwei Konfessionen scharf von einander zu unterscheiden. Auch ist der Streit darüber, ob die Gegensätze zwischen diesen zwei Konfessionen größer oder kleiner sind, als bei den verschiedenen Konfessionen innerhalb des Christenthums, ganz müßig, weil ebenfalls unaustragbar. In gewisser Beziehung weit größer; doch insofern, daß ein orthodoxer Jude, ohne schnöden Verrath an sich zu üben und eine schwere Sünde zu begehen, unmöglich sich zur Neologie bekennen kann und darf, was aber umgekehrt nicht der Fall ist; denn der neologe Jude wird selbst nach neologer Auffassung kein Renegat durch seine Rückkehr zum jüdischen Religionsgesetze oder zur Orthodoxie, sondern ein frömmerer Jude. — Innerhalb des Christenthums ist das Verhältnitz ein ganz anderes; dort liegt bei einem Uebertritte von einer Konfession zur andern nach der Anschauung der Konfession, die verlassen wird, immer ein Abfall, eine Sünde vor. Es ist aber nun selbstverständlich, daß der überzeugungstreue, orthodoxe Jude jede religiöse Gemeinschaft mit dem neologen Juden zurückweisen und für die vollständig durchgeführtr Trennung der zwei jüdischen Fraktionen eintreten muß; aber ebenso natürlich ist es, daß der neologe Jude, besonders wenn sein Heer in der Majorität ist. gegen die Trennung plaidirt, da ja sein religiöses Gewissen, wenn überhaupt solches vorhanden ist, durch die Gemeinschaft mit seinem orthodoxen Bruder in keiner Weise verletzt, beschwert oder beunruhigt wird. Im Gegentheil; durch den völligen Anschluß der Neologie an dir Orthodoxie bekäme jene eine gewisse Sanction für ihre Prinzipien. Eduard L a s k e r, als er seiner Zeit (18781 im deutschen Reichstgge mit. der Macht seiner Beredtsamkeit für die vollständige Trennung^der Orthodoxen von den Neologen sich erhob, hat in seinen Ausführungen nur gezeigt, daß eine diesbezügliche Forderung der Orthodoxie zugleich die Forderung des Liberalismus ist, was nicht außer Acht gelassen werden darf; 2 ö w und Geiger aber, die größten Reformer Ungarns, und Deutschlands, haben 'die Trennung befürwortet, weil sie die große Kluft zwischen dem überlieferten Judenthum und dem von ihnen vertretenen wohl erkannt und offen b e k a n n t haben. Doch sind dies Ausnahmen, die sich leicht erklären lassen. Dieselben