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Der Israelit · 1902-05-22 · Heft 41 (22.5.1902) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 41 (22.5.1902)
Date
1902-05-22
Page
– (sequence 17)
Language
German
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43* Jahrgang. e zu M 41 Das orthodoxe Äudenthum. Von Wilh. Löwy in Sarbogard, Ungarn.*) ' xm. Und nun noch einen Beweis aus der jüngsten Vergangenheit. Am 12. März 1880 hatte der christliche Reichsrathsabgeordnete A. Molnar im ungarischen Parlament, offenbar auf Eingebung der Neologen, eine fulminante Rede gegen die ungarischen Orthodoxen gehalten, und drückte u. a. seine Billigung aus über die Errichtung des Budapester Rabbiner-Seminars, was er damit begründete, daß er diese Anstalt „für ein wirksames Mittel halte zur Ausrottung des Judaismus." Und Herr Molnar erhielt unzählige Dankadressen und Gratulationen von den Neologen für sein „mannhaftes" Auftreten! Natürlich kann es nicht in Abrede gestellt werden, daß die hebräische Sprache, die im Gebete benützt wird, viel zur „Versudelung," zur Erstarkung des Judaismus beiträgt, und wir glauben nicht zu irren, wenn wir dieser Angst vor Nerjüdelung den Umstand zuschreiben, daß in vielen neologen Gemeinden das Hebräische im Gebete eingeschränkt wurde. Denn der Grund, den man für diese Reform in's Treffen führt, kann doch nicht ernst gemeint und genommen werden. „Man versteht das Hebräisch nicht" — heißt es. Nun ist es heilige Religionspflichi, Hebräisch zu lernen, und wenn Jemand Hebräisch nicht versteht, der hat eine wichtige Religionspflicht nicht erfüllt, und deßhalb sollten wir der Unwissenheit, der Religionsverletzunz Vorschub leisten, Reformen einführen und das hebräische Gebet streichen? Wer irgend ein wünschenswertstes und nothwendiges Gut nicht besitzt, wird doch wohl das Gut selbst nicht erniedrigen und verschmähen, sondern bestrebt sein, dasselbe zu erwerben. Ueberdies wird doch Niemand daran gehindert, sich ein übersetztes Gebetbuch zu verschaffen, um so in der Lage zu sein, das Hebräisch mit Verständnis; zu lesen. Auch befinden sich beim öffentlichen Gottesdienste Personen^- die ja hebräisch verstehen und auf den Fittigen der hebräischen Sprache sich zu Gott erheben, sollen'diese etwa vom öffentlichen Gottesdienste ausgeschlossen sein? Doch mit dem Ausmerzen der hebräischen Gebete aus dem Gottesdienste, ist auch eine Gefahr verbunden, die schwer in's Gewicht fällt. Daß Israel in seiner Zerstreuung nach allen Ecken der Welt seine geistige Einheit und religiöse Zusammengehörigkeit aufrechterhalten, ist nicht zum geringen Theile seinen hebräischen Gebeten zu verdanken. Wir möchten nicht, daß wir mißverstanden werden. Jede Konfession Hai eine *) Fortsetzung aus Nummer 39/40. gewisse Macht, auf die sie sich stützen kann zur Zeit der Noth und Bedrängniß, nur die zumeist gehetzte Heerde Israel besitzt keine solche. Die neuesten Judenverfolgungen haben es eklatant bewiesen, daß die Söhne Israels gegenseitig nur auf sich allein angewiesen sind' und nur auf sich allein sich verlassen können. Wenn aber z. V. der russische oder rumänische Jude nicht einmal mit uns zusammen beten kann, weil er unsere Gebetssprache nicht kennt, dann steht er in seinem Leide wirklich vereinsamt und verloren da. DaS »ncn bx •flixn sv. «Sondere dich nicht ab von der.Gesammtheit," das unsere neologen Brüder so gerne im Munde führen, dürfte in diesem Falle als ernste Mahnung an sie selbst mit Recht angewendet werden. Schlußbemerkun g^. Wir haben in unfern bisherigen Darlegungen-das Wesen des überlieferten Judenthums in.schwachen Umrissen zu zeichnen versucht und seine wichtigsten Aeüßerungen im Gegensätze zu denen des sog. neologen Judenthums Revue passiren lassen; wir waren bestrebt, die jenen Aeußerungen zu Grunde liegende Auffassung und Anschauung über Juden und Judenthum wiederzugeben und dieselben mit denen der Neologen zu vergleichen, und sind zu den folgenden Resultaten gelangt: 1. Der Unterschied zwischen Orthodoxie und Neologie zeigt sich nicht nur in der Theorie, sondern kömmt auch in der Praxis zu nicht zu verkennendem und zu verleugnendem Ausdrucke. Sollte auch daher eine jüdische Gemeinde ihre Institutionen den Anforderungen des .orthodoxen Judenthums entsprechend einrichten, / aber auch nur einen einzigen Paragraphen in ihren Statuten lassen, der mit dem Schulchan-Aruch im Widerspruch stehend, reformistischen Bestrebungen freien Spielraum' gewährt und Vorschub leistet, so hat sich eine solche Gemeinde jeder Gemeinschaft mit dem überlieferten, gesetzestreuen Judenthume entschlagen. ' 2. Wenn auch die Neologie unter ihrer Fahne viele und recht buntscheckige Abarten aufzuzählen hat, so besitzt sie doch ein gemeinschaftliches negatives Prinzip,, nämlich: die Leugnung der ewig gleichbleibenden, durch nichts zu erschütternden und "zu ersetzenden heiligen Jsraelspflicht, die in unfern heiligen Schriften für alle kommenden Geschlechter niedergelegt ist. . 3. Aus diesem folgt mit zwingender Nothwendigkeit, daß die Verschiedenheit zwischen Orthodoxie und Neologie durchaus nicht in „Kleinigkeiten von ganz unansehnlicher Natur" besteht, vom orthodoxen Standpunkte wenigstens nicht. Indem aber die maßgebenden Wortführer der Neologen nicht müde werden zu betonen, daß die Streitpunkte, welche in Israel die Trennung herbeiführten, von ganz untergeordneter Bedeutung wären, so wäre eine Vereinigung der getrennten Lager

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