Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 41 (22.5.1902)
- Date
- 1902-05-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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870 des Bahnhofes waren außer den Spitzen der Behörden die Geistlichkeit aller Konfessionen anwesend. Die isr. Glaubensgenossenschaft war durch den Herrn Rabbiner Dr. Weher vertreten, der sowohl vom Prinz-Regenten, wie vom Prinzen Ludwig mit einer Ansprache beehrt wurde.. .Auch bei der Hoftafel sprach der Landesfürst den. Rabbiner in seiner väterlichen, herzgewinnenden Weise huldvoll ay. ... ’V Italien. . Nom, 21. Mai. Ueber den neuernännten italienischen Krieg-minister wird der „Voltszeitung" aus Rom berichtet:. Ottolenghi ist heute noch Jude. Seiner Ernennung hat.dieser gelehrteste und tüchtigste Offizier des ital. Heeres gerade die Erwägung entgegen gehalten, daß in den Heeren der verbündeten Staaten Deutschland und Oesterreich kein Jude.ein aktives Kommando von Be-, deutung inne habe. König Viktor Emanuel JI1. erklärte demgegenüber, den modernen Verfassungsstaat Italien könne das nicht geniren. Die gesammte Presse Italiens, von der hochkonser- -vativen „Sera" bis zum sozialdemokratischen „Avanti" ist einig in. freudiger. Anerkennung darüber, daß der König mit der Ernennung Ottolenghis zum Kriegswinister.eine außerordentlich glückliche Wahl getroffen . habe. Irr der Heimath der antiken Römertugend gelten nicht die Ehrenzeichen und Orden, sondern die Wunden. Der ganze Leib des tapferen Lombarden aber ist bedeckt . von Narhen; insgesammt erhielt er vor dem Feinde acht durchweg schwere Verwundungen. Bei der Belagerung von Gaeta schickte dem Kriegsfreiwilligen bei der Artillerie unter' Cialdini ein bourbonischer Schweizer- ' schütze eine Kugel in die rechte Hüfte, nachdem er vor Eapua am linken Schenkel eine tiefe Wunde erlitten hatte. Im Kampfe gegen die Briganten in den Abruzzen wurde ihni der rechte Arm durchbohrt und durch zwei Schüsse mit gehacktem Blei der ganze Vrustmuskel der rechten Seite bis zur Achselhöhle zerrissen. 1864 erlitt . er im Kampfe gegen'eine Räuberbande in der Basilicata eine lebensgefährliche Verwundung am Unterleib, und erhielt am 24. Juni 1866 für einen äußerst kühnen, mit kaltem. Blute durchgeführten Angriff am Monte Croce das. Militärkreuz von Savoyen; auch dabei wurde der damalige Führer der Guiden und Feldgendarmen des Generälstabes schwer verletzt. Seine kurzen Aufsätze als Militärschriftsteller sind hoch geschätzt. Der Politik hat sich Ottolenghi bis jetzt ferngehalten. König Viktor GpmqnüeriH. hat Ottolenghi übrigens vor drei Monaten zum „Heerführer" im Kriegsfälle vormerken lassen; es ist der höchste Grad in der italienischen Armee, welchen außer Ottolenghi nur noch die Generale Mirri. ..Baldissera ^und Luigi Pelloux erreicht haben. -.7 F r a n k reich. . Paris, 19. Mai. Herr Loubet ist in Petersburg! An den Ufern der Newa feiert man den Präsidenten der 7 franzpsis^n Republik, dessen Reise als neue Garantie 1 T 1 i des Weltfriedens gepriesen wird. Die französischen Juden verfolgen selbstverständlich mit einem lebhaften Interesse dieses Ereignis, dessen Tragweite zwar sehr übertrieben wird, aber dem eine gewisse Bedeutung nicht abzusprechen ist. Aber die Reise des Herrn Loubet interessirt die französischen Juden nicht nur in ihrer Eigenschaft als französische Staatsbürger, sondern auch als Juden. Im großen Czarenreiche gibt es 'Millionen von Juden, die geknechtet und geknebelt find, deren physische, und moralische Leiden unbeschreiblich find, die von einer wilden Horde verfolgt und mißhandelt werden. Ein physikalisches Gesetz besagt, daß, wenn ein warmer und ein kalter Körper in Berührung kommen, es der warme Körper ist, der seine Wärmestrahlen gegen den kalten Körper aussendet. Das kalte, eisige Rußland vereinigt sich mit den sonnigen Gauen Galliens, wo man schon vor über einem Jahrhundert die Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetz proklamirt. hatte. Vielleicht wird dem russischen Bären durch diese Berührung etwas europäisches-Leben eingehaucht, so daß er begreifen wird, welch eine klägliche Rolle er durch seine Judenverfolgungen spielt. Diese Berührung kann wohl in ihm den Wunsch erwecken, dem Beispiel seines treuen Freundes und Bundesgenossen zu folgen und sich von all' den mittelalterlichen Vorurtheilen der Religionsverfolgnngen ftei zu machen. Diese Hoffnung knüpfen wir an die Reise des Herrn Loubet. Wenn es ihm gelingen sollte, seinen russischen Bundesgenossen in diesem Sinne zu beeinflussen, so wird sich das französische Volk, das sich schon so oft der Armen und Unterdriickten angenommen hat, sagen dürfen, daß es ein Werk des Friedens, ein Werk des Fortschrittes vollbracht habe. Pi. . Engl and. London. (Asher Myer.) Am 11. d. M. verstarb in London nach dreimonatlicher Krankheit im Alter von 54 Jahren einer der hervorragendsten Führer des englischen Judenthums. 1848 als Sohn eines Gemeindebeamten zu London geboren, widmete sich Asher Myer dem Kaufmannstand, trat aber dann in die litterarifche Welt ein, wo er seine neue Laufbahn von unten auf und zwar als Setzer in den „Jewish Recorder" begann. Später ward er Geschäftsführer des Blattes, um nach Eingehen des „Recorder" in gleicher Eigenschaft in die Redaktion der Londoner „Jewish Chronicle" einzutreten. Nach dem Tode des Herausgebers, Dr. Benish, übernahm er auch die Stellung als Herausgeber des großen Londoner jüdischen Blattes und wurde schließlich dessen Haupteigenthümer. Trotz der großen Arbeitslast, die ihm sein Doppeltamt bei dem Blatte auferlegte, fand er noch reichlich Zeit, sich in hervorragender Weise Mt öffentlichen jüdischen Angelegenheiten zu befassen, und. schließlich gab es keine größere jüdische Vereinigung in London, die nicht den klugen, einflußreichen und Lberj