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Der Israelit · 1902-05-22 · Heft 41 (22.5.1902) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 41 (22.5.1902)
Date
1902-05-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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sich eine wilde Meute fanatisirter Jünger auf den unbequemen Gegner und erhob einen solchen Lärm, als wäre nicht nur bei Jagden, sondern auch bei litterarischen Kämpfen das Verbellen des edlen Wildes das erstrebenswerthe Ziel. Nach langen Jahren kaum gestörter und kaum bestrittener litterarischer Herrschaft der Wortführer der Traditionsfeinde trat plötzlich ein unliebsamer Störenfried auf den Plan. Die sog. jüdische Wissenschaft schlich so ruhig im Bewußtsein vermeintlich großer Errungenschaften im Ruhmesschatten' der Triumvire Frankel, Grätz und Weiß, als sie jäh aufgeschreckt wurde. Ein bisher unbekannter Gelehrter aus Rußland trat vor ungefähr vier Jahren mit einem Buche auf den Plan, das die Zeit vom Abschluß, des Talmuds bis zu den letzten Gaonen in einer ganz neuen Weise darstellte; und das Sonderbarste an diesem Buche und seinem Verfasser war, daß Beide, Werk und Meister, durchaus keinen Respekt vor den anerkannten Autoritäten modernen jüdischen Forschens hatten, im Gegentheil durch äußerst scharfe Kritik versuchten, die wissenschaftliche Bedeutung dieser vielgerühmten Männer ttef herabzusetzen. Allgemeines Staunen, man darf sagen, eine gewisse Verblüffung war die erste Wirkung des neuen Buches, das den Namen Dorot Harischonim führte und dessen Verfasser sich Jsaac Halevy nannte. Selbst in unseren Kreisen waren es zuerst nur Einzelne, die anerkennend und bewundernd dem anspruchslosen Meister warm die Hand drückten. Drüben, wo man sonst so schnell auf Angriffe reagirte, wo man sonst so merkwürdig nervös war, wenn ein hartes Wort gegen einen Lehrer fiel, herrschte eisiges Schweigen. Hatten Frankel und Grätz denn keine Freunde mehr, die für ihre Ehre das Schwert ziehen konnten? Erstand dem alten Weiß, denn kein Vertheidiger, der -Halevy's heftige Angriffe zurückwies? Nur ein einzelner Ritter sprengte in guter Meinung gegen Halevy heran, um bald mit gebrochener Lanze zurückzureiten, nachdem ein junger rumänischer Gelehrter mühelos seinen Angriff zurückgeschlagen. Todtschweigen, das schien die Parole zu sein, die ausgegeben war, um den Ruhm bef von Halevy Angegriffenen für einige Zeit wenigstens zu fristen. Doch Herr Halevy sorgte dafür, daß man nicht stillschweigend und durch das bewährte Mittel des Todtschweigens über ihn zur Tagesordnung übergehen konnte. Ein zweiter Band Dorot Harischonim erschien, der ein Thema behandelte, das allgemein die größte Aufmerksamkeit finden mußte: Die Epoche der letzten Tanaim und die der Amoraim. Die Resultate, die in diesem Bande niedergelegt waren, erwiesen sich womöglich als noch glänzender, wie die der früheren Arbeit, die Angriffe gegen die modernen Vorgänger waren noch heftiger und — begründeter. Dieser zweite Band Dorot Harischonim ließ sich nicht todschweigen, bei ' Freund und Feind erzwang er sich bewundernde Anerkennung. Die Herrschaft des Triumvirats auf dem Gebiete der tälmudischen Zeitgeschichte war zu Ende, die Usurpatoren waren enthront. Die Besonnenen und Klugen unter ihren Anhängern fügten sich in das Unvermeidliche, erkennen die Bedeutung des neuen Mannes an und glauben, genug gethan zu haben, wenn sie einige Äußerlichkeiten tadeln und ihren Groll und Unmuth darüber ausdrücken, daß Herr Halevy nicht mit Platzpatronen, statt mit scharfer Ladung geschossen hat, und die von ihm bekämpften Herren gar zu unsanft anfaßte. Das Landvolk dagegen, die Bauern, die zu der Anhängerschaft der enthronten Usurpatoren gehören, verstehen es nicht, sich zu fügen und greifen zu Heugabel und Dreschflegel, wohl auch zu Vogen und vergüteten Pfeilen, um gegen das moderne, weittragende Geschütz Halevy'scher Kritik zu streiten. Es sei hier in Parenthese bemerkt, daß wir mit den Worten Landvolk und Bauern im Bilde bleiben und daß dieselben keine Uebersetzung von pKrt cy sein sollen. Die Besonneneren blieben solchen aussichtslosen Kämpfen wohk fern, haben sie jedoch nicht ungern. So kommt es denn, daß zür selben Zeit, wo ein namhafter Gelehrter der anderen Seite in einer ausländischen hervorragenden Zeitschrift trotz mancher herber kritischen Bemerkung, Herrn Halevy huldigende Anerkennung nicht versagt, die Redaktion der „Breslauer Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" es über sich gewinnt, einer Kritik des Halevy'schen Werkes 48 Seiten einzuräumen, worin der Meister, statt mit dem Kopse, mit dem Ellenbogen bekämpft wird. Ueber diese maßlos gehässige und sinnlose Kritik, die unter dem Titel „Die neueste Konstruktton der jüdischen Geschichte" von Dr. I. Elbogen, als erster Artikel des jüngsten Heftes der genannten Monatsschrift veröffentlicht wurde, , beabsichtigen wir, im nächsten Artikel uns auszusprechen. ZerLuugsnschrrHterr und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 18. Mai. Die auf Kosten der hiesigen jüdischen Gemeinde vom „Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde" errichtete provisorische Fürsorge-Erziehungsanstalt für jüdische Mädchen in Plötzensee bei Berlin wird am 2. Juni d. Js. eröffnet werden. Sie ist zunächst nur für Zöglinge aus der Berliner Gemeinde bestimmt. Jndeß erklärt sich der Gemeindebund bereit, auch Zöglinge aus solchen jüdischen Gemeinden Deutschlands aufzunehmen, die entweder in llebereinstimmung mit dem Beschlüsse des neunten Gemeindetages, ihren Beitrag für den Bund auf annähernd 1% ihres Steuereinkommens erhöht haben, oder die sich verpflichten, für die der provisorischen Anstalt zu überweisenden Zöglinge den Theil der Kosten zu tragen, der

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